Von: Jisrael Jitzchak Rosenfeld
Die Frage nach den „verschollenen zehn Stämmen Jisraels“ berührt sowohl historische als auch mystische Ebenen der jüdischen Tradition.
Historisch gesehen entstand ihre Situation nach dem Tod von Schelomo HaMelech, als sich das vereinte Königreich in zwei Reiche aufspaltete:
Das Nordreich Israel mit zehn Stämmen und das Südreich Jehuda mit den Stämmen Jehuda und Binyamin sowie vielen Levi’im.
Das Nordreich wurde im Jahr 722 vor der Zeitrechnung von Sargon II. aus Assyrien erobert.
Ein großer Teil der Bevölkerung wurde deportiert und in andere Regionen des assyrischen Reiches umgesiedelt.
Aus diesem historischen Ereignis entwickelte sich die Vorstellung der „verlorenen“ zehn Stämme.
Im Gegensatz dazu blieb das Südreich Jehuda noch länger bestehen, bis Jeruschalajim 586 vor der Zeitrechnung durch Nebukadnezar II. aus Babylon zerstört wurde.
Ein Teil der Bevölkerung ging ins babylonische Exil, konnte jedoch später zurückkehren, weshalb sich aus Jehuda und Binyamin die spätere jüdische Gemeinschaft entwickelte.
In der jüdischen Mystik wird dieses Verschwinden jedoch selten als endgültiges Auslöschen verstanden.
Werke wie der Zohar sprechen davon, dass die zehn Stämme in gewisser Weise verborgen oder getrennt weiterexistieren.
Manchmal wird erzählt, sie lebten jenseits eines mythischen Flusses oder in abgelegenen Regionen der Welt; andere Interpretationen verstehen dies eher spirituell und sehen sie als eine verborgene Dimension des Volkes Jisrael.
In der messianischen Zukunft sollen sie nach vielen traditionellen Quellen wieder gesammelt und mit Jehuda vereinigt werden.
Dass ausgerechnet Jehuda und Binyamin historisch weiter bestanden, wird in der Tenach (Bibel) häufig mit dem Bund HaSchems mit David HaMelech erklärt.
Die davidische Königslinie sollte fortbestehen, weil aus ihr der zukünftige Mosch’iach hervorgehen soll, der oft als Mashiach ben David bezeichnet wird.
Der Stamm Jehuda trug diese königliche Linie.
Binyamin blieb eng mit Jehuda verbunden, weil sich ein Teil Jerusalems und die Umgebung des Tempelbergs auf seinem Stammesgebiet befanden.
Dadurch bildeten beide Stämme zusammen den Kern des Südreichs und der späteren jüdischen Identität.
In der späteren mystischen Tradition entwickelte sich zudem die Vorstellung von zwei messianischen Gestalten:
Mosch’iach ben Josef und
Mosch’iach ben David.
Der erste wird symbolisch mit den Stämmen des Nordreichs und besonders mit der Linie Josefs verbunden, während der zweite aus Jehuda hervorgeht und die endgültige Erlösung bringt.
Manche Deutungen sehen darin eine Art Wiedervereinigung der beiden historischen Teile Jisraels
– der verborgenen Dimension der zehn Stämme und der sichtbaren Linie Jehudas.
Auch die symbolische Rolle der Mütter der Stämme wird in der Kabbalah gelegentlich auf diese Struktur bezogen.
Leah Imenu wird oft mit einer verborgenen, höheren Ebene der Wirklichkeit verbunden, während Rachel Imenu stärker die sichtbare und manifestierte Welt repräsentiert.
In manchen kabbalistischen Lesarten wird Leah mit der Sefira Binah und Rachel mit Malchus in Verbindung gebracht.
Daraus entsteht eine symbolische Spannung zwischen einer verborgenen, inneren Dimension und einer manifesten, historischen Realität. Überträgt man dieses Schema auf die Geschichte von Am Jisrael, kann man sagen:
Ein Teil des Volkes bleibt sichtbar in der Weltgeschichte (Jehuda und Binyamin), während ein anderer Teil gewissermaßen verborgen bleibt und erst in der messianischen Zukunft wieder vollständig offenbar wird.
In dieser Perspektive ist das Verschwinden der zehn Stämme nicht einfach ein historischer Verlust, sondern Teil eines größeren spirituellen Prozesses der Zerstreuung und späteren Wiedervereinigung.
Einige kabbalistische Lehrer, etwa Jitzchak Luria, der heilige ARIzal, sahen die Geschichte Jisraels überhaupt als Spiegel eines kosmischen Vorgangs:
Funken der Heiligkeit werden in der Welt zerstreut und müssen im Laufe der Geschichte wieder gesammelt werden.
Die Rückkehr der verlorenen Stämme steht dann symbolisch für die Vollendung dieses Prozesses und für die Wiederherstellung einer ursprünglichen Einheit.
Gehen wir nun noch intensiver auf unsere Erzmütter ein.
Die Verbindung zwischen den Erzmüttern und den Sefiros gehört zu den subtileren Themen der Kabbala, weil die Matriarchinnen nicht nur historische Personen darstellen, sondern gleichzeitig als spirituelle Archetypen verstanden werden.
Besonders deutlich wird dies in kabbalistischen und chassidischen Kommentaren zum Zohar sowie in den Lehren vom Heiligen ARIzal.
In diesen Traditionen spiegeln die vier Erzmütter bestimmte Strukturen der Sefiros wider, also der zehn g“ttlichen Emanationen, durch die sich die göttliche Wirklichkeit entfaltet.
Zentral ist zunächst die Unterscheidung zwischen den beiden Hauptfrauen Ja’akovs:
Leah und Rachel.
In der mystischen Symbolik werden diese beiden oft als zwei unterschiedliche Ebenen der g“ttlichen Manifestation verstanden.
Leah wird mit einer höheren, verborgenen Dimension verbunden, während Rachel stärker mit der sichtbaren und manifestierten Welt in Beziehung steht.
Diese *Differenz* wird häufig über die *Sefiros Binah und Malchus* erklärt.
Leah wird dabei mit Binah identifiziert, der Sefira des Verständnisses und der inneren Verarbeitung.
Binah gehört zur oberen Triade der Sefiros und repräsentiert eine Ebene, in der g“ttliche Weisheit in Struktur und Bedeutung überführt wird.
Sie gilt als „Mutter der Welten“, weil aus ihr die unteren Sefiros hervorgehen.
In der kabbalistischen Symbolsprache wird Binah oft als eine verborgene Mutter beschrieben.
Genau diese Verborgenheit spiegelt sich in der biblischen Darstellung Leahs wider:
Sie ist die weniger sichtbare, weniger begehrte Frau Ja’akovs, und doch stammen von ihr die meisten Stämme Jisraels.
Ihre Fruchtbarkeit symbolisiert die schöpferische Kraft von Binah, die aus dem Verborgenen heraus neues Leben hervorbringt.
Rachel hingegen wird mit Malchus verbunden, der letzten der Sefiros.
Wie wir ja bereits gelernt haben steht Malchus für Manifestation, Präsenz in der Welt und für das Königreich
– also die Ebene, auf der die g“ttliche Energie in konkrete Realität übergeht.
Während Binah eine eher verborgene, innere Dimension repräsentiert, ist Malchus die sichtbare Oberfläche, in der sich die höheren Sefiros ausdrücken.
Rachel wird in der Torah häufig als besonders schön beschrieben und steht im Mittelpunkt vieler Erzählungen.
In der mystischen Lesart spiegelt diese Sichtbarkeit die Funktion von Malchus wider:
Sie ist die „Schechina“, die g“ttliche Gegenwart in der Welt.
Diese Gegenüberstellung von Leah und Rachel kann man auch räumlich-symbolisch verstehen.
Leah wird in der kabbalistischen Literatur manchmal als „die obere Mutter“ bezeichnet,
Rachel als „die untere Mutter“.
Die obere Mutter steht für die verborgene geistige Struktur der Wirklichkeit, während die untere Mutter die konkrete Erscheinungsform in der Welt darstellt.
Dadurch entsteht eine Achse von Verborgenheit und Offenbarung, die sich durch viele Bereiche der jüdischen Mystik zieht.
Auch die anderen beiden Erzmütter werden in dieses System integriert.
Sara wird häufig mit der Sefira Chesed verbunden, also mit g“ttlicher Güte und Ausdehnung, während Rivkah eher der Sefira Gevurah zugeordnet wird,
die für Kraft, Begrenzung und Urteil steht.
In dieser Lesart spiegeln die vier Erzmütter zusammen ein dynamisches Gleichgewicht zwischen Expansion und Begrenzung sowie zwischen verborgener und sichtbarer Realität wider.
Innerhalb dieser Symbolik bekommen auch die zwölf Stämme eine tiefere Bedeutung.
Die Söhne Leahs repräsentieren oft Aspekte der inneren Struktur Jisraels, während die Söhne Rachels
– besonders Josef und Binyamin – stärker mit der konkreten geschichtlichen Manifestation verbunden werden.
Deshalb wird Josef in vielen messianischen Deutungen mit der Figur des Mosch’iach ben Josef in Verbindung gebracht, während aus Jehuda, dem Sohn Leahs, die davidische Königslinie hervorgeht, die schließlich zum Mosch’iach ben David führt.
Aus kabbalistischer Perspektive beschreibt die Geschichte der Erzmütter somit nicht nur familiäre Beziehungen, sondern einen kosmischen Prozess.
Die g“ttliche Wirklichkeit entfaltet sich von einer verborgenen, geistigen Ebene (Binah/Lea) über verschiedene Zwischenstufen bis zur sichtbaren Präsenz in der Welt (Malchus/Rachel).
Die Spannung zwischen diesen Ebenen erzeugt Dynamik, Geschichte und Entwicklung.
Wenn mystische Texte von der zukünftigen Vereinigung der Stämme oder von der messianischen Erlösung sprechen, meinen sie daher oft auch eine Wiederherstellung der Harmonie zwischen diesen Ebenen der göttlichen Struktur.
In diesem Sinne kann man sagen:
Die Erzmütter verkörpern nicht nur historische Ursprünge des Volkes Jisrael, sondern gleichzeitig archetypische Kräfte innerhalb der Sefiros-Struktur.
Durch sie wird sichtbar, wie sich das G“ttliche sowohl im Inneren der spirituellen Welt als auch in der konkreten Geschichte manifestiert.
