Von: Jisrael Jitzchak Rosenfeld
Über die Zuordnungen der Sefiros zu unseren Erzvätern.
In der jüdischen Mystik, insbesondere in der Kabbala, werden die Sefiros
– die zehn g“ttlichen Emanationen des Baum des Lebens
– häufig mit wichtigen biblischen Gestalten in Verbindung gebracht.
Diese Zuordnungen sollen zeigen, wie sich g“ttliche Eigenschaften in der Geschichte der Bnei Jisraels manifestieren.
Besonders verbreitet ist eine Tradition, die die unteren sieben Sefiros mit zentralen Persönlichkeiten der biblischen Geschichte verbindet.
Die Sefira Chesed, die Güte, Großzügigkeit und liebende Zuwendung repräsentiert, wird klassisch mit Avraham verbunden.
Avraham gilt als Inbegriff der Gastfreundschaft und g“ttlichen Barmherzigkeit.
Die gegenüberliegende Sefira Gevurah, die für Stärke, Begrenzung und göttliches Gericht steht, wird mit Jitzchak assoziiert, dessen Lebensgeschichte in der Tradition als Ausdruck von Disziplin und innerer Stärke verstanden wird.
Die mittlere Sefira Tiferes, die Harmonie, Schönheit und die Vermittlung zwischen Güte und Strenge symbolisiert, wird mit Ja’aov identifiziert.
Ja’akov verkörpert die Balance der gegensätzlichen Kräfte, weshalb er in der Mystik als integrative Gestalt gilt.
In der nächsten Ebene wird Netzach, das Prinzip von Ausdauer, Sieg und beständigem Handeln, mit Mosche verbunden, dessen Führungsrolle beim Auszug aus Ägypten als Ausdruck unermüdlicher Durchsetzungskraft verstanden wird.
Die komplementäre Sefira Hod, die Glanz, Hingabe und priesterliche Demut symbolisiert, wird mit Aharon in Verbindung gebracht.**
Aharon steht in der Tradition für den kultischen Dienst und die spirituelle Vermittlung.
Die Sefira Yesod, die als **Fundament und verbindendes Element zwischen den höheren geistigen Ebenen und der materiellen Welt gilt, wird gewöhnlich mit Josef identifiziert.
Josef wird als Vermittlerfigur gesehen, die die verschiedenen Teile Jisraels zusammenhält und den Übergang von Vision zur Wirklichkeit ermöglicht.
Schließlich entspricht Malchus, das „Königtum“ oder die Manifestation der g“ttlichen Gegenwart (Schechina) in der Welt, traditionell
David HaMelech.
David symbolisiert die politische und spirituelle Verkörperung des g“ttlichen Reiches innerhalb der Geschichte.
Die obersten drei Sefiros:
– Keser (Wille), Chochmah (Weisheit) und Binah (Verständnis)
– werden meist nicht direkt mit einzelnen Patriarchen identifiziert, da sie als transzendente Ebenen des G“ttlichen gelten.
Sie repräsentieren eher die ursprünglichen geistigen Prinzipien, aus denen sich die weiteren Sefiros entfalten.
Auch die zwölf Stämme Jisraels, die aus den Söhnen Ja’akovs hervorgehen, werden in einigen kabbalistischen Traditionen symbolisch mit Strukturen des Lebensbaums verbunden.
In bestimmten Deutungen, die sich auf Texte aus dem Sefer Yetzirah oder dem Zohar stützen, entsprechen die zwölf Stämme den zwölf grundlegenden energetischen Kanälen oder kosmischen Prinzipien,
die die Sefiros miteinander verbinden.
Auf diese Weise erscheint die Geschichte der Bnei Jisraels als eine Art symbolische Entfaltung des g“ttlichen Lebensbaums (Etz Chaim) in der Welt:
Die Erzväter verkörpern grundlegende g“ttliche Eigenschaften, während die zwölf Stämme deren Vielfalt und konkrete historische Ausprägung darstellen.
Eine weitergehende mystische Deutung der zwölf Stämme Jisraels findet sich vor allem in der Tradition des Sefer Yetzirah und des Zohar.
In diesen Schriften wird die Struktur der Wirklichkeit als ein geordnetes System g“ttlicher Kräfte beschrieben,
das sich im Baum der Sefiros, im Kosmos, in der Zeit und auch im Volk Jisrael widerspiegelt.
Die zwölf Stämme gelten dabei als Manifestationen von zwölf grundlegenden spirituellen Strömungen, die aus den Sefiros hervorgehen und sich in der Welt entfalten.
Das Sefer Yetzirah beschreibt zunächst eine kosmische Ordnung aus drei Mutterbuchstaben, sieben Doppelbuchstaben und zwölf einfachen Buchstaben des hebräischen Alef–Beis.
Die zwölf einfachen Buchstaben werden mit den zwölf Monaten, den zwölf Tierkreiszeichen und den zwölf grundlegenden menschlichen Eigenschaften verbunden.
In späteren kabbalistischen Auslegungen werden diese zwölf Kräfte auch mit den zwölf Stämmen Jisraels identifiziert.
Jeder Stamm repräsentiert demnach einen bestimmten Kanal, durch den eine g“ttliche Qualität in die Welt wirkt.
Diese Kanäle stehen wiederum mit den Verbindungen zwischen den Sefiros im Lebensbaum in Beziehung.
So wird Am Jisrael selbst zu einer symbolischen Entsprechung der kosmischen Ordnung.
Der Zohar entwickelt diese Idee weiter und deutet die Stämme als Ausfaltungen der mittleren Sefirotstruktur, die sich aus der Gestalt von Ja’akov
– der in der Kabbala, wie bereits beschrieben, oft mit der Sefira Tiferes identifiziert wird
– heraus entfaltet.
Ja’akov/später Jisrael gilt dabei als der Stammvater, in dem sich die Kräfte von Chesed und Gevurah ausgleichen.
Aus dieser harmonischen Mitte gehen seine zwölf Söhne hervor, die jeweils einen spezifischen Aspekt dieser g“ttlichen Balance ausdrücken.
In vielen kabbalistischen Kommentaren werden die Stämme zudem mit den vier Himmelsrichtungen und den zwölf Bereichen des kosmischen Raumes verbunden.
Die Lagerordnung der Stämme um das Heiligtum in der Wüste wird dabei als mystische Darstellung des Lebensbaums verstanden:
Vier Hauptlager bilden eine Art kosmisches Kreuz, während die zwölf Stämme die vollständige Ausbreitung der g“ttlichen Gegenwart in der Welt symbolisieren.
Besonders hervorgehoben wird häufig der Stamm von Jehuda,
aus dem nach der Tradition das **Königtum hervorgeht, wodurch er eine besondere Beziehung zur Sefira Malchus erhält, der Ebene der g“ttlichen Manifestation.
Eine weitere Deutung verbindet die Stämme mit den inneren spirituellen Eigenschaften des Menschen.
So beschreibt die mystische Literatur, dass jede Seele einen bestimmten „Stamm-Charakter“ trägt, der einer der zwölf spirituellen Kräfte entspricht.
Diese Kräfte bilden zusammen die vollständige spirituelle Struktur des Menschen, so wie die zwölf Stämme gemeinsam die Ganzheit Israels darstellen.
Die Vielfalt der Stämme wird dadurch nicht als Spaltung verstanden, sondern als notwendige Differenzierung der g“ttlichen Energien.
Im Zohar wird daher immer wieder betont, dass die Einheit der Bnei Jisraels gerade darin besteht, dass alle zwölf Stämme ihre jeweiligen Eigenschaften in Harmonie einbringen.
Erst wenn diese Kräfte zusammenwirken, kann sich die g“ttliche Gegenwart
– die Schechina, die mit der Sefira Malchus verbunden ist
– vollständig in der Welt offenbaren.
Die Struktur der Stämme wird damit zu einem Spiegel des kosmischen Lebensbaums: aus der g“ttlichen Quelle entfalten sich verschiedene Kräfte,
die sich schließlich wieder zu einer höheren Einheit zusammenfügen.
Der Zohar interpretiert die Stämme als Ausfaltungen der mittleren Sefiros.
Kurz noch einmal eine Struktur, die sich aus der Gestalt von Ja’akov entwickelt.
Ja’akov wird demnach, wie bereits gelernt, in der Kabbala mit der Sefira von Tiferes identifiziert
– der harmonischen Mitte des Lebensbaums.
Seine zwölf Söhne stellen daher die Strahlen dar, die aus dieser Mitte hervorgehen.
Eine häufige symbolische Struktur ist:
Rechte Seite (Chesed-Linie)
Reuven
Issachar
Zebulun
Diese repräsentieren Expansion, Weisheit und Ausbreitung.
Linke Seite (Gevurah-Linie)
Schimeon
Levi
Dan
Sie stehen für Struktur, Gesetz und Unterscheidung.
Mittlere Linie (Tiferes-Achse)
Jehudah
Josef
Benjamin
Diese Achse verbindet Himmel und Erde und führt letztlich zur Manifestation der g“ttlichen Gegenwart.
Die übrigen Stämme werden in einigen Systemen mit den unteren Sefiros Netzach, Hod und Yesod verbunden, wodurch sich eine vollständige symbolische Ordnung ergibt.“
