Schawuot, das jüdische Wochenfest, das an diesem Sonntagabend beginnt, feiert die Annahme der Tora auf dem Sinai vor mehr als 3000 Jahren durch die Israeliten. In der Interpretation dieses Prozesses schließe ich mich Rabbiner Jonathan Sacks an, der ihn so erklärt hat: Zunächst wurde ein politisches Gremium geschaffen, eine von G’tt geführte Nation von Bürgern mit einer schriftlichen Verfassung (der Tora) und einer einzigartigen Mission – ein Königreich der Priester und ein heiliges Volk zu sein«.
Dies bedeutete, dass die Tora der Ausübung von Macht moralische Grenzen setzte. Damit wurde zum ersten Mal das Gesetz über die Macht gestellt. Jeder Tyrann war daran gebunden, jeder Despot konnte gerügt werden.
Frühzeitige Demokratien, zum Beispiel Athen, gewährten nur den Mächtigen und Reichen politische Rechte. Frauen, Fremde, Kinder und Sklaven hatten keine Teilhabe. In Westeuropa erhielten Frauen erst im 20. Jahrhundert Stimmrechte.
Doch G’tt konsultierte zuerst die Frauen. Die Formulierung: »So sollt ihr zum Haus von Jakow sagen« (2. Mose 19, 3) wendet sich dezidiert an das weibliche Geschlecht. Unsere Verfassung schließt alle ein; Staatsbürgerschaft ist bei uns etwas Universelles.
Schawuot, das Fest der Tora, ist also die perfekte Gelegenheit, sich mit sehr grundlegenden Fragen zu befassen. Das Festhalten an der Tora wird manchmal als das Geheimnis des jüdischen Überlebens bezeichnet. Die Tora ist der größte gemeinsame Nenner, der die Menschen zusammenhält.
Eine gemeinsame Heimat fehlte den Juden fast 2000 Jahren lang. Und auch zu Zeiten ihres Bestehens hatten die jüdischen Reiche nie bedeutende militärische oder politische Macht. Selbst im Goldenen Zeitalter von König David oder Salomo wurde Israel von Reichen wie Ägypten, Assyrien und Babylonien attackiert.
Das Judentum hatte weltweit auch keine gemeinsame Sprache. Schon in biblischen Zeiten wurde Hebräisch als Umgangssprache durch Aramäisch ersetzt. Teile der 5 Bücher Mose, ein Großteil des Babylonischen Talmuds und der ganze Sohar wurden auf Aramäisch verfasst.
In den Tagen von Sa’adja Gaon (892–942) und Maimonides (1140–1205) sprachen die meisten Juden Arabisch, während später Jiddisch, Russisch oder Englisch und auch Deutsch vorherrschten.
Die endlose Reihe von Verfolgungen und Pogromen führte zu einer vorrangig negativen Identifikation mit der eigenen Gruppe. Die verbindende Inspirationsquelle hingegen waren Tora und Tradition, für die viele Juden sogar bereit waren, ihr Leben zu geben.
Im Judentum ist geistiges Wachstum das höchste Ziel. Das »auserwählte Volk« zu sein, ist kein Privileg, sondern eine Verantwortung. Am Fuße des Berges Sinai wurde die Tora bedingungslos angenommen. Die Israeliten sagten: »Na’asse Venischma« – zuerst werden wir es tun, später können wir die Gebote verstehen.
Das Judentum zeichnet sich durch eine parallele Sicht auf den Menschen aus: Spirituelle Konzepte werden oft durch körperliche Prozesse veranschaulicht. Damit der Körper richtig funktioniert, müssen zuerst Nahrung und Sauerstoff aufgenommen werden, bevor man einen Einblick in den Verdauungsprozess und die Atmung erhält. Das Studium von Nahrung und Sauerstoff kann Nahrung und Atmung nicht ersetzen.
Gleiches gilt für die jüdische Seele: Wenn sie gesund bleiben soll, müssen wir zuerst die Zutaten nehmen, die unser Schöpfer am besten kennt und die im »Tora-Rezept« vorgeschrieben sind. Nur dann können wir auf geistige Genesung hoffen. Schawuot, das Fest der Tora, weist im Gegensatz zu anderen Festen keine konkrete Symbolik auf, weil der Kern von Religion und Tora rein spirituell ist.
Das ist das oberste Bestreben des Judentums und muss es auch bleiben. Deshalb gibt es so viele verschiedene Bräuche. Sie unterstreichen tiefere Hintergründe von Schawuot – wie etwa der »Tikkun Leil Schawuot«, die Lernnacht an Schawuot oder die Tatsache, dass wir milchige Speisen essen.
Um die fehlerhafte Herangehensweise unserer Vorfahren zu korrigieren, lernen wir die ganze Nacht von Schawuot über Texte aus der Tora und anderen Quellen. Die Juden wollten die einmalige Sinai-Erfahrung so umfassend wie möglich »mitnehmen« und dachten, sie würden gut daran tun, die Nacht über zu schlafen, denn im Schlafzustand können wir manchmal etwas von den höheren Welten erfassen. Doch Mosche Rabbenu weckte sie, weil das Wesen des Judentums nicht aus schwebenden und verträumten spirituellen Reflexionen besteht. Das Judentum ist eine Religion der wachen Realität und sollte inmitten des vollen Lebens verbreitet werden.
Die Synagogen sind an Schawuot mit Blumen und Pflanzen geschmückt. Dies hat auch eine tiefere Bedeutung: nämlich eine Anspielung auf den Schilfkorb, in dem Mosche von seiner Mutter versteckt wurde. Mosche wurde am 7. Adar geboren. Seine Mutter konnte ihn drei Monate lang vor ägyptischen Soldaten zu Hause verstecken. Am 6. Siwan – demselben Datum, an dem die Tora 80 Jahre später gegeben werden sollte – legte sie ihn in den Nil.
Und um auf den Anfang zurückzukommen: G’tt fragte die Juden am Sinai, ob sie Sein Volk sein wollten. Daraus lässt sich ableiten: Verwaltung und Regierung werden nur mit Zustimmung des Volkes ernannt. Ohne sie gibt es keine legitime Ausübung von Macht, selbst wenn sie der Schöpfer von Himmel und Erde sein sollte. Denn ohne die Zustimmung des Volkes hätte die Offenbarung nicht stattgefunden.
