Von: J. J. Rosenfeld
Der Schulchan Aruch (Orach Chajim 555) schreibt bekanntermaßen, dass man an Tischa BeAw am Morgen (Schacharit) keine Tefillin trägt.
Der Grund ist, dass Tefillin „Schmuck“ und ein Zeichen der Verbindung mit HaSchem sind, während Tischa BeAw ein Tag der Trauer ist.
Trauernde verzichten an diesem Morgen auf Dinge, die als besondere Zierde oder Freude gelten.
Stattdessen ist der verbreitete Brauch:
Schacharit:
- keine Tefillin (auch keine Beracha darauf).
Mincha:
- Tefillin werden angelegt.
Nun zu den Chassidim und Kabbalisten:
Einige kabbalistische Quellen betrachten Tefillin grundsätzlich als etwas sehr Heiliges und betonen ihre spirituelle Bedeutung.
Deshalb gibt es einzelne Gruppen oder Personen, die zu Hause privat am Morgen Tefillin anlegen, obwohl sie dies nicht öffentlich in der Synagoge tun.
Die Idee dahinter ist meist:
Die äußere Trauerordnung wird eingehalten,
aber man möchte die kabbalistische Wirkung der Tefillin nicht völlig auslassen.
Das ist jedoch kein einfacher Widerspruch, sondern eine Spannung zwischen zwei Ebenen:
Halachischer Minhag der Öffentlichkeit:
Keine Tefillin in Schacharit an Tischa BeAw.
Eine kabbalistische bzw. individuelle Praxis:
Manche sehen einen inneren Grund, es trotzdem (privat) zu tun.
Allerdings ist wichtig:
Nicht alle Kabbalisten oder Chassidim machen das.
Wenn jedoch jemand eine besonders starke Verbindung oder Liebe zu dieser Mizwa pflegt, wird diese Praxis von manchen akzeptiert.
Viele große kabbalistische Autoritäten folgten ebenfalls der gewöhnlichen Praxis, Tefillin erst in Mincha zu tragen.
Ein ähnlicher Grundsatz findet sich häufig im Judentum:
Eine Person kann eine verborgene, persönliche kabbalistische Praxis haben, solange sie nicht gegen eine klare öffentliche halachische Norm oder den Brauch ihrer Gemeinschaft verstößt.
Nach dem Breslower Minhag legt man an Tischa BeAw morgens Tefillin an,
– allerdings nicht öffentlich in der Synagoge, sondern zu Hause vor Schacharit.
Danach geht man zur Synagoge und nimmt am Minjan teil.
Dieser Brauch wird auf Rebbe Nachman s“l zurückgeführt.
Der Gedanke dahinter ist:
Obwohl der Schulchan Aruch den allgemeinen Brauch festlegt, an Tischa BeAw morgens keine Tefillin zu tragen, sah Rebbe Nachman s“l offenbar eine besondere spirituelle Bedeutung darin, die Keduscha der Tefillin nicht vollständig wegzulassen.
Gerade aus kabbalistischer Sicht sind Tefillin mit sehr hohen geistigen Wirkungen verbunden.
