Der Feiertag Tu beAw, der dieses Jahr am Abend des 28. Juli und den ganzen Tag des 29. Juli 2026 gefeiert wird, leitet sich von den Worten „Tu“ (dem Zahlenwert der hebräischen Buchstaben: 15) und dem jüdischen Monat Aw ab. Tu beAw wird manchmal als „jüdischer Valentinstag“ bezeichnet – doch dafür gibt es keinen wirklichen Grund.
Warum der Vergleich mit dem Valentinstag nicht zutrifft
Der Valentinstag am 14. Februar basiert auf einer katholischen Tradition. Sein Ursprung liegt wahrscheinlich in einem römischen Fruchtbarkeitsfest. Da am Valentinstag sehr viel Geld verdient wird, wird diese Bezeichnung heutzutage auch für Tu beAw verwendet.
Ich halte diesen Vergleich für völlig unangebracht, denn Tu beAw ist ein äußerst heiliger Feiertag – er wird sogar mit Jom Kippur, dem Großen Versöhnungstag, gleichgesetzt. Obwohl dieser Tag im heutigen Israel häufig „Chag HaAhawa“ („Fest der Liebe“) genannt wird und die Geschäfte davon profitieren, ist Tu beAw sehr viel mehr als ein kommerzieller Erfolg.
Der Ursprung von Tu beAw
Im Babylonischen Talmud (Ta’anit 30b–31a) wird gelehrt, dass Tu beAw den Beginn der Weinlese markierte, während Jom Kippur deren Abschluss bildete. An Tu beAw trugen die Jungfrauen Jerusalems weiße Kleider, die sie voneinander ausliehen. Anschließend tanzten sie in den Weinbergen, wo junge Männer sich eine Braut auswählen konnten.
Warum ist Tu beAw ein Feiertag?
Der Grund für die Freude an Jom Kippur ist verständlich. An diesem Tag werden alle Sünden zwischen Mensch und G’tt vergeben. Aber warum ist Tu beAw – nur sechs Tage nach Tischa beAw, unserem nationalen Trauertag wegen der Zerstörung des Ersten und Zweiten Tempels – ebenfalls ein Tag großer Freude?
Der Talmud nennt sechs Gründe. Zwei davon stehen unmittelbar mit der Ehe in Verbindung.
1. Ehen zwischen verschiedenen Stämmen wurden wieder erlaubt
Nach dem Einzug in das Land Israel wurde an Tu beAw das Verbot aufgehoben, jemanden aus einem anderen Stamm zu heiraten. Wollte beispielsweise eine Frau aus dem Stamm Schimon (Simeon) einen Mann aus dem Stamm Re’uven (Ruben) heiraten, war dies von diesem Zeitpunkt an wieder erlaubt.
Während der Wüstenwanderung wollte die Tora verhindern, dass erbliches Stammesgebiet von einem Stamm auf einen anderen übergeht. Deshalb mussten Frauen, die Land erbten, innerhalb ihres eigenen Stammes heiraten. Nachdem das Land jedoch endgültig verteilt worden war, wurde diese Einschränkung aufgehoben.
2. Der Stamm Benjamin wurde wieder aufgenommen
In der Zeit der Richter hatte sich der Stamm Benjamin schwerer Vergehen schuldig gemacht und war aus der Gemeinschaft Israels ausgeschlossen worden. Niemand durfte seine Kinder mit Angehörigen des Stammes Benjamin verheiraten.
Als jedoch deutlich wurde, dass dieses Verbot zum Aussterben eines der zwölf Stämme Israels führen würde, wurde die Einschränkung der Eheschließungen weitgehend aufgehoben (Richter 19–21).
Ein nationaler Schidduch-Tag
Schidduch bedeutet Verlobung beziehungsweise Partnervermittlung. Tu beAw entwickelte sich zu einem nationalen Schidduch-Tag. Um soziale Unterschiede zwischen Arm und Reich zu vermeiden, liehen sich alle jungen Frauen weiße Kleidung voneinander aus. So konnte niemand durch reichere oder schönere Kleider hervorstechen.
Der Talmud erzählt, dass die schönen Mädchen auf ihre äußere Erscheinung aufmerksam machten. Mädchen aus angesehenen Familien verwiesen auf ihren guten Jichus (ihre vornehme Abstammung) und betonten die Bedeutung einer guten Familie. Diejenigen, die sich selbst weniger schön fanden, riefen die jungen Männer dazu auf, zu heiraten leschem Schamajim – um der Ehre des Himmels willen, um gemeinsam G’tt zu dienen.
Liebe mit einem höheren Ziel
Der nationale Schidduch-Tag stand vollständig im Zeichen der jüdischen Ehe. Eine jüdische Eheschließung heißt Kidduschin – Heiligung.
Nur die Liebe zu feiern, wäre oberflächlich. Die jüdische Ehe steht im Dienst der Erfüllung unserer göttlichen Aufgabe und des Fortbestehens der jüdischen Mission. Liebe ist dabei ein unverzichtbarer Bestandteil. Doch Liebe ohne ein höheres Ziel, ohne Richtung und ohne Heiligkeit ist oft vergänglich. Ohne geistige Tiefe kann Liebe sogar in ihr Gegenteil umschlagen. Liebe braucht Führung; Zuneigung benötigt eine spirituelle Orientierung. Ein hingebungsvolles und heiliges Fundament ist unerlässlich.
Von der Zerstörung zum Wiederaufbau
Kurz nach der größten nationalen Katastrophe, Tischa beAw, feiern wir die Fortsetzung des jüdischen Lebens im jüdischen Haus und in der Familie. Dort befindet sich unser wahres Heiligtum.
Jom Kippur und Tu beAw
Jom Kippur stellt den Frieden zwischen G’tt und dem Menschen wieder her. Tu beAw schafft Frieden innerhalb der Familie und zwischen den Menschen. Gemeinsam bilden diese beiden heiligen Tage die Grundpfeiler des Judentums.
