Einleitung: Frühling, Hoffnung und Verbindung zu Israel
Tu Bischwat (15. Schwat) wird als „Neujahrsfest der Bäume“ bezeichnet.
In Israel beginnt zu diesem Zeitpunkt der Frühling: Die Natur erwacht, Knospen sprießen, und die dunklen Winterfarben weichen dem frischen Grün.
Der Tag symbolisiert die Liebe des jüdischen Volkes zum Land Israel, seine Fruchtbarkeit und das Vertrauen in die Zukunft.
Tu Bischwat ist kein klassischer Feiertag: Man arbeitet und geht zur Schule, aber Familien und Gemeinden feiern, indem sie Früchte essen – möglichst solche aus Israel.
In Israel (und in der Diaspora) pflanzen Kinder Setzlinge. Dieser Brauch verbindet Tu Bischwat mit der Erneuerung des Lebens, auch wenn es übertrieben wäre, ihn als „jüdisches Umweltfest“ zu bezeichnen.
Dennoch weckt der Tag die Aufmerksamkeit für Natur und Schöpfung.
Historische Grundlagen im Talmud
In den ältesten Quellen findet sich kaum Liturgie. Der Talmud erwähnt Tu Bischwat ausschließlich im Zusammenhang mit agrarischen Vorschriften:
- Er markiert den Beginn des neuen Jahres für die Berechnung der Ma’aser (Zehnten).
- Landwirte mussten Teile ihrer Ernte an Priester (Kohanim), Leviten und Arme abgeben.
- Bestimmte Früchte mussten in Jerusalem konsumiert werden.
Die Regel ist administrativ:
Früchte vor dem 15. Schwat gehören zum vergangenen Jahr, danach zum neuen Jahr.
Die Wahl des Datums ist pragmatisch: Bis Mitte Schwat fällt der meiste Winterregen. Danach beginnt der Zyklus der Natur von Neuem.
Herkunft des Namens
Der Name „Tu Bischwat“ setzt sich aus den hebräischen Buchstaben ט (Tet) und ו (Waw) zusammen.
Tet (9) + Waw (6) = 15. So ergibt sich der 15. Tag des Monats Schwat.
Die einfache Praxis: Früchte essen
Obwohl die Tora keine Feier vorschreibt, entwickelte sich der Brauch, viele Obstsorten zu essen – bevorzugt aus Israel.
Dieser Brauch ist posttalmudisch und wurde besonders im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gestärkt.
Viele Chassidim beten an Tu Bischwat dafür, dass die Etrogim (für das Laubhüttenfest) schön gedeihen.
Wie Rosch HaSchana die Zukunft des Menschen beurteilt, so wird an Tu Bischwat nach chassidischer Überlieferung die Zukunft der Pflanzenwelt beurteilt.
Kabbalistische Transformation: Der Tu-Bischwat-Seder
Im 16. Jahrhundert, in Safed (Tzfat), erhielt Tu Bischwat neue spirituelle Tiefe.
Die Kabbalisten – unter ihnen Rabbi Chaim Vital (1542–1620) – schufen eine besondere Liturgie:
- Vier Becher Wein trinken (von weiß zu rot übergehend, symbolisch für Jahreszeiten und geistige Wandlung).
- Viele Früchte essen, entwickelt bis zu dreißig Arten.
- Lieder, Segenssprüche, Tora-Texte, rabbinische Quellen und mystische Werke.
Dieser Seder von Tu Bischwat, nach dem Vorbild von Pessach, ist vor allem bei sephardischen Juden verbreitet.
Besonders beliebt sind die Sieben Arten, mit denen Israel gesegnet ist (Dtn 8,8):
Weizen, Gerste, Traube, Feige, Granatapfel, Olive, Dattel
Drei Kategorien von Früchten und ihre Bedeutung
Die Kabbalisten ordneten die Früchte drei symbolischen Kategorien zu:
1. Voll essbare Früchte
– z. B. Trauben, Feigen, Beeren
→ symbolisieren die Reinheit und Offenheit geistiger Ebenen.
2. Früchte mit essbarer Schale, aber hartem Kern
– z. B. Oliven, Datteln
→ stehen für verborgene Potenziale: Fruchtbare Außen, geschützter innerer Kern.
3. Früchte mit harter Schale und weichem Innern
– z. B. Nüsse, Granatapfel, Kokosnuss
→ verweisen auf die materielle Welt, die überwunden werden muss, um zum Leben im Inneren zu gelangen.
Mystik der Sefirot: Der Mensch als Baum
Die Kabbala versteht den „Baum“ als Bild des Menschen und des Kosmos.
Der Vers aus Dtn 20,19 – „Denn der Mensch ist wie der Baum des Feldes“ – wird oft so interpretiert:
Nicht: Ist der Baum wie der Mensch?
Sondern: Der Mensch IST wie ein Baum.
Die zehn Sefirot bilden einen geistigen Baum: eine Leiter von der göttlichen Emanation bis zur Welt der Handlung.
Die drei materiellen Früchte-Ebenen entsprechen drei Welten:
1. Olam ha-Beria – Welt der Schöpfung:
Ex-nihilo-Erschaffung – voll essbare Früchte.
2. Olam ha-Jetsira – Welt der Formung:
Gestaltung aus vorhandener Materie – Früchte mit Kern.
3. Olam ha-Assija – Welt der Handlung:
Körperliche Existenz – harte Schale, weiches Inneres.
Eine vierte Welt, Olam ha-Atzilut (Emanation), ist rein geistig und kann nicht materiell symbolisiert werden.
Die Lehre von den göttlichen Funken
Nach der lurianischen Kabbala (Rabbi Jitzchak Luria):
- Die Schöpfung erfolgt durch göttliches Licht.
- Eine Sefira war zu schwach, hielt das Licht nicht, und Gefäße zerbrachen.
- Funken göttlicher Energie fielen in die materielle Welt und wurden dort „gefangen“.
Der Mensch besitzt die Aufgabe der Tikkun – der Reparatur:
Durch Gebote, Segenssprüche und die richtige Absicht beim Verzehr der Früchte werden Funken befreit und zurückgeführt zu G‘tt.
Tu Bischwat wird so zu einem spirituellen Werkzeug der Heilung.
Mensch und Baum – Anthropologische und moralische Deutung
a) Die drei Teile des Baums
- Wurzeln – verborgen, aber lebensnotwendig
→ Glaube (Emuna), Verbindung zu G’tt - Stamm und Zweige – Struktur, Wachstum
→ Tora-Lernen, Mizwa-Ausführung - Früchte – Nutzen für andere
→ Handlungen, Familie, Gemeinschaft
Wie der Baum nicht vom Himmel her wächst, sondern von unten nach oben, so soll der Mensch sich ständig entwickeln – ohne seine Wurzeln zu verlieren.
b) „Adam“ und „Adama“
Das Wort Adam stammt von Adama (Erde), bedeutet aber auch „ähneln“.
Der Mensch soll aus irdischem Ursprung wachsen und G’tt ähnlicher werden.
Wie ein Baum durch seine Früchte beurteilt wird, so wird der Mensch durch seine Taten bewertet.
c) Rabbiner Jakob Mosche Charlop
Religiöse Taten sind wie Samen:
Eine einzige gute Tat lässt eine Kettenreaktion weiterer Fruchtbarkeit entstehen.
Der Mensch pflegt seinen Charakter wie ein Gärtner seinen Obstgarten.
d) Rav Elieser Steinman und der Magen David
Der Körper wächst aus der Erde nach oben, die Seele wirkt von oben nach unten.
Der Magen David vereint beide Richtungen:
Körper erhebt sich – G’ttliches steigt herab – im Menschen begegnen sie sich.
Umweltethik und Verantwortlichkeit
Die Tora verbietet, Obstbäume im Krieg zu zerstören.
Der Talmud erweitert dies zu einem allgemeinen Verbot von Verschwendung (Bal Taschchit).
Wer Dinge im Zorn zerstört, wird mit Götzendienst verglichen.
Ein berühmter Midrasch (Kohelet Raba 7) über den ersten Menschen:
G’tt führte Adam durch die Welt und sprach:
„Sieh Meine Werke, wie schön sie sind.
Ich habe sie für dich geschaffen.
Hüte dich, sie zu zerstören.
Wenn du es tust – Niemand wird sie dir zurückbringen.“
Tu Bischwat erinnert daran: Natur ist kein Besitz, sondern ein anvertrautes Gut.
Israel als Land von Milch und Honig
In Ex 3,8 verheißt G’tt ein Land „in dem Milch und Honig fließen“.
„Honig“ meint Dattelsirup (Silan), nicht Bienenhonig.
„Milch“ kann tierisch sein, wird aber auch als Saft der Feige verstanden.
Die Interpretation:
- Milch → Basisnahrung, Wachstum, Stärke
- Honig → Süße, Wert, Freude
- Israel → nährend, wertvoll, gütig für sein Volk
Im Hohelied (Schir HaSchirim 4,11) heißt es:
„Honig und Milch sind unter deiner Zunge“
Dies bezieht die Midrasch (Dewarim Rabba 7:3) auf das Torastudium:
Tora ist Nahrung wie Milch, und ihre Verbindung zu G’tt ist süß wie Honig.
Gematria (Zahlenwert)
Chalav (Milch) = 40 → 40 Tage, die Mosche auf Sinai war.
Die Tora nährt Israel – wie Milch ein Kind.
12. Bäume pflanzen – real und symbolisch
Der Brauch, an Tu Bischwat Bäume zu pflanzen, ist weit verbreitet – außer im Schmitta-Jahr (Sabbatjahr).
Großgewordene Setzlinge erinnern an Verantwortung und Kontinuität.
Doch die Lehre ist auch spirituell:
Wir pflanzen Bäume im Herzen, indem wir Tora lernen und Mizwot erfüllen.
Wie ein Baum Wurzeln schlägt, so entwickelt sich der Mensch geistig und moralisch.
Schluss
Tu Bischwat ist mehr als ein „Baumfest“ oder ein folkloristischer Anlass.
Es ist ein Tag der Erneuerung, der Verbundenheit mit Israel, der Reflexion über Menschen und Natur, aber auch der Mystik und der Verantwortung.
Der Baum wird zum Gleichnis des Lebens:
- Er wurzelt in der Erde, strebt zum Himmel,
- er wächst im Wandel der Jahreszeiten,
- er trägt Früchte, die andere nähren.
So auch der Mensch:
Er lebt aus dem Glauben, wächst in der Tora und schenkt der Welt Früchte – durch seine guten Taten.
