Darrell J. Fasching, Dozent für Religionsstudien in Tampa, Florida, ist der Meinung, dass die Christen nach dem Holocaust verpflichtet sind, ihr Versagen zu besprechen, wieso sie während der Schoa nicht die Seite ihrer jüdischen Brüder und Schwestern gewählt hatten.
Fasching steht für eine neue Ethik, die dem Fremdling viel mehr Platz bietet. Es geht um die Art und Weise, wie eine Gesellschaft mit ihren Fremdlingen umgeht.
Die Biblische Ethik befasst sich mit dem Gebot, den Fremdling einzuladen und willkommen zu heißen. In der Thora erfolgt nicht weniger als 36-mal ein Aufruf an unsere Möglichkeiten „uns mit dem Fremdling zu identifizieren“. Denn Ihr selbst wart Fremdlinge in Ägypten.
Der Fremdling sorgt dafür, dass wir einen „offenen Horizont“ behalten. Der Fremdling ist derjenige, der ,,gerade durch sein oder ihre Unterschiedlich – oder Anderssein unsere Identität zur Diskussion stellt“.
Wir suchen nach einer Welt der Gleichmacherei, aber der Fremdling ist derjenige, der es verhindert, dass wir in unserer eigenen Identität eingeschlossen werden. Echter Glaube basiert auf ,,unserer Bereitschaft, Fremdlingen und die Zweifel, die ihr fremdes Verhalten bei uns hervorrufen, willkommen zu heißen“.
Daran können wir abmessen, inwieweit unser Glaube wirklich wahr ist. Der Knackpunkt einer aufrichtigen Gesellschaft ist die Messlatte, die mit der Frage verknüpft ist, wie offen wir einem Fremdling
gegenüber stehen:
,, Denn wenn wir den Fremdling willkommen heißen, nähert sich die Herrschaft G“ttes und alle Dinge werden möglich“.
Fasching hält Christen den Spiegel vor und betont die Jüdische religiöse Unerschrockenheit und religiösen Mut. Das Judentum stellt nicht nur Fragen, sondern geht der Verantwortung G“ttes nicht aus dem Weg:
G“tt steht nicht abseits des Leidens, aber bedeutet Leiden Strafe?
Eine andere Reaktion befindet sich in einem Briefwechsel zwischen Dr. E. van der Linden und Professor von Bach:
,,G“tt steht nicht Abseits dieser bitteren Wirklichkeit. Er ist bei den zerstörten Leben (…). Neben Hiob steht jedoch das Hohelied. Neben den Klagen von Jeremias steht das erste G“ttliche Wort der Schöpfung: „Licht!“. Das Eine musst Du nicht gegen das Andere wegstreichen. Die Biblische Realität, genau wie unsere Realität, ist die von Leid und Leben, von Untergang und Aufstehen, vom Geist der Vernichtung und vom Geist von Feuer und Hoffnung (…). Es besteht Chaos, Leere und Finsternis und Licht wird in unser Dasein gerufen. Die Stimme des Predigers muss gehört werden, aber auch das Liebeslied aus dem Hohelied.“
Das ,,Heiligen Paradox“
Eine typisch orthodoxe Betrachtung kommt von Rabbi Aharon Lopianski, der bemerkt, dass nur wenige Menschen aus dem Tod der sechs Millionen irgendwelche Eingebungen entnehmen können. Juden aus dem Mittelalter bevorzugten den Galgen dem Kreuz. Sie waren bereit, ihr Leben zur Heiligung des G“ttlichen Namens zu opfern. Die Opfer des Holocaust hatten jedoch wenig Wahl. Wieso können wir sie Kedoschim (Heilige) nennen?
Passiver Kiddusch Haschem
Es existiert auch eine passive Art von Kiddusch Haschem. Als Aharons Söhne Nadav und Avihu verstarben, sagte G“tt:
„bikrowaij ekadejsch“ – durch diejenigen, die Mir nahestehen, werde Ich geheiligt“.
Nadav und Avihu werden während der Einweihung des Mischkan (Tabernakel) durch ein Himmlisches Feuer verzehrt.
Ihre Heiligkeit war so groß, dass diese selbst über der von Mosche und Aharon stand. Nadav und Avihu, und nicht Mosche und Aharon, werden erwählt um Kedoschim, Heilige, zu sein.
Wir sind die Generation, die gesehen hat, was „bikrowaj ekadejsch“ bedeutet. Wenn wir daraus nichts lernen, dann spielt es in der Tat keine Rolle mehr.
Wir müssen hieraus etwas lernen, wir haben etwas gelernt, laut Rabbi Lopianski.
Das Judentum ist stärker als je zuvor…
Nie wieder Auschwitz?
Wie oben schon erläutert, wurde durch den Holocaust nochmals offenbart und für die gesamte Welt sichtbar, wozu der Mensch fähig sein kann. Es ist an uns daraus Konsequenzen zu ziehen, die über das bloße Gedenken herausreichen.
Die Zahl der antisemitischen Vorfälle ist besorgniserregend und gerade vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, wie über das ,,Ziehen eines Schlussstriches“ gesprochen werden kann.
Es sollte niemals ein Schlussstrich gezogen werden. Das wäre fatal und dem unvorstellbaren Leid, welches die Opfer des Holocaust erfahren haben, nicht angemessen.
Wir alle tragen nun die Verantwortung für ein ,,Nie wieder Auschwitz‘‘ zu sorgen.
Und dies wird durch eine rein intellektuelle Herangehensweise nicht erreicht sondern nur in Verbindung mit dem Stärken von Werten wie Solidarität, Akzeptanz und Nächstenliebe. Indem wir stetig unser Handeln reflektieren und dies auch den zukünftigen Generationen mit auf den Weg geben, sodass ein gemeinsames Miteinander statt Nebeneinander möglich wird.
