Jüdisch! Die Tora lernen und leben.

Der Holocaust nach 77 Jahren

,,Ich bin selber mehrere Male in Yad Vashem gewesen. Eine sehr starke emotionale Erschütterung empfand ich, als ich eine ganze Weile in der Halle der ermordeten Kinder stand und sich alles spiegelte. Ich schaute auf die brennenden Kerzen, die sich spiegelten. Andere Menschen gingen langsam und leise an mir vorbei, während ich der monotonen Stimme zuhörte, die die Namen und das Alter der Kinder vorlas, endlos. Die Tränen strömten über meine Wangen (…). Hier sah ich Tausende Sterne, aber diese standen symbolisch für die ausgelöschten und zerstörten Leben von G“ttes Kindern. Wie betäubt ging ich wieder ins Freie, die grelle Sonne schien in meine Augen. Als sich meine Augen wieder an das Licht gewöhnt hatten, sah ich die zurückgeschnittenen Pfähle mit dahinter die schöne Landschaft. Beendete Leben. Bodenlos tiefer Schmerz“ (Dr. E. van der Linden).

Das ,,warum“ des Holocaust werden wir nie sicher und eindeutig beantworten können. In der Vergangenheit haben Theologen versucht, auf unbeantwortbare Fragen Antworten zu finden, jedoch hören wir in unserer Gesellschaft kaum religiös begründete Erklärungsversuche.

Wo war der Mensch in Auschwitz?

Die religiöse Herausforderung entstammt nicht der Frage ,,Wo war G“tt in Auschwitz“, sondern eher der Frage ,,Wo war der MENSCH in Auschwitz?“ (Oberrabbiner Aharon Schuster von Amsterdam).

Es zeigt sich, dass ein Großteil der Orthodoxie davon ausgeht, dass der Mensch sich nach dem zweiten Weltkrieg nicht wirklich geändert hat. Vielmehr wird der Holocaust als eine Offenbarung der menschlichen Natur verstanden, die uns prägnant aufzeigt, zu was der Mensch leider fähig ist.

Gerade das Thorajudentum war vom Holocaust schwer angeschlagen und die Wiege des religiösen Judentums, Jeshivot und leitende Rabbiner von Litauen bis Rumänien, wurden laut Schätzungen zu neunzig Prozent ,,ausradiert“.

Die übriggebliebenen zehn Prozent dieser Orthodoxie, die sich über die ganze Welt verteilten, haben wenige offensichtliche Zeichen für einen speziellen ,,Gedenkbedarf“ erkennen lassen, um ihren Trauergefühlen in Formen besonderer Gebete oder neuer Gedenktage, zur Ehre von Millionen Märtyrer, Ausdruck zu verleihen.

Dies scheint eigenartig, da der Tod großer Thoragelehrter auf der anderen Seite viele hunderttausende Gläubige aktiviert. Es ist noch nicht so lange her, dass 900.000 Gläubige dem berühmten Rabbiner Chaim Kanievsky sel. A. die letzte Ehre erwiesen, viel mehr Menschen, als bei Begräbnissen bekannter Politiker anwesend waren.

Während des Holocaust kamen hunderte hohe Gelehrten auf grausamste Weise um…. Weshalb lässt die Orthodoxie die Erinnerung an ihr kollektives Märtyrium scheinbar unberührt bleiben?

Die Verwüstung des Tempels

Die Betonung liegt hier auf dem Wort ,,scheinbar“. Die Orthodoxie trauert um und beweint ihre Verluste auf eine andere Art. Geschichtskenner wissen, dass der Holocaust eine Reihe von Verfolgungen im christlichen Europa beendete, die faktisch mit dem Churban HaBajit, der Verwüstung des Tempels zu Jerusalem im Jahre 70 nach der Zeitrechnung, begonnen hatten.

Eine endlose Reihe von Pogromen, ab den Ermordungs-Serien in Rumänien, den Kreuzrittern bis zu den Abschlachtungen unter Bogdan Chmielnitzky (1648).

An Tischa  Be’Av sitzen wir in den Synagogen trauernd auf dem Fußboden und wir fasten. Unter dem klagenden melodischen Rezitieren von Trauergebeten weinen wir um alle Opfer, die das Jüdische Volk im Laufe der Jahrhunderte hat bringen müssen.

Wir pflegen uns nicht, waschen und rasieren uns nicht, schweigen vor uns hin um uns nicht durch Gerede ablenken zu lassen.

Tischa  Be’Av ist ein Höhepunkt. Mitten im Sommer hören wir während drei Wochen vor Tischa  Be’Av keine Musik, feiern wir keine Feste und schränken unsere Geschäfte und Reisen ein. Neun Tage vor Tischa  Be’Av essen wir kein Fleisch mehr und trinken keinen Wein, waschen nicht unsere Kleider, um uns geistig auf die spirituelle Auseinandersetzung mit dem nationalen Unglückstag des Jüdischen Volkes vor zu bereiten.

Vielleicht doch ein Augen-Öffner für den modernen Menschen, der eventuell, abends EIN MAL im Jahr, um acht Uhr zwei Minuten der Stille beachtet. An Tischa  Be’Av herrscht die Stille den ganzen Tag…..

Cookies Notice

Our website uses cookies. If you continue to use this site we will assume that you are happy with this.