Die Nachwehen des Holocaust haben besonders die Israelische Orthodoxie fest im Griff. Sie demonstrieren nicht so lautstark mit ,,Nie wieder Auschwitz“, das stimmt. Sie fühlen sich durch die westliche nach außen scheinender Zivilisation verraten und haben sich hiervon massig abgewandt.
Sie sind nun primär damit beschäftigt sich selbst wieder aufzubauen und der jüdische Auftrag ,,den anderen Völkern ein Beispiel zu sein“, sozusagen als moralische Trendsetter zu fungieren, musste dadurch erstmal hintenangestellt werden.
Mehr als je zuvor hat der Holocaust die Jüdische Energie nach innen gelenkt. Das hat ihre Früchte erbracht. Noch nie zuvor haben wir eine so massive Rückkehr zum traditionellen Judentum erlebt wie gerade in unseren Tagen. Eine verspätete Reaktion auf den Holocaust.
Andere Reaktionen
Es gibt auch andere Reaktionen. Ich nenne Ihnen die Reaktion von Imre Kertész:
„Ich muss immer und überall nur an Auschwitz denken. Selbst wenn ich anscheinend über etwas anderem spreche, hat es mit Auschwitz Verbindung. Ich bin ein Medium des Geistes von Auschwitz, Auschwitz spricht durch mich. Damit verglichen, finde ich alles Nonsens, also belanglos. Und wirklich nicht nur aus persönlichen Gründen. Auschwitz und alles, was damit zu tun hat (aber was hat nicht damit zu tun?), (Auschwitz) ist das größte
europäische Trauma, auch wenn es vielleicht noch hunderte von Jahren dauern wird, bis man sich dessen bewusst geworden ist. Und wenn das nicht geschieht, macht das sowieso nichts mehr aus“.
Auschwitz steht für das Allerschlimmste, das Menschen einander antun können: die Entmenschlichung des Anderen, die systematische Vernichtung einer Gruppe auf der Basis von Rasse, Glaube und Beschaffenheit, von denen im Zweiten Weltkrieg hauptsächlich die Jüdische Bevölkerung das Opfer wurde.
Wir leben heute in einer anderen Zeit, aber Angst vor und Misstrauen gegen den Anderen sind noch nie so groß gewesen. Angst und Misstrauen führen dazu, dass Menschen sich in die eigene Gruppe zurückziehen, unter Ausschluss der Anderen. Geht der Ausschluss weit genug, entsteht ein entmenschlichtes Bild des Anderen, verschwindet die Sorge um den Anderen aus dem Blickfeld.
Nie mehr Auschwitz bedeutet: jede alltägliche Moral, in der die Sorge um den Anderen ausdrücklich eine Rolle spielt und in der Solidarität sich nicht auf die eigene Gruppe beschränkt. Nie mehr Auschwitz bedeutet: sorge dafür, dass Menschen nicht von ihrer Menschlichkeit entbunden werden können.
Aber, Imre Kertész sagte auch:
„Höret endlich damit auf (….) zu sagen, dass Auschwitz nicht erklärt werden kann, dass Auschwitz das Ergebnis von irrationalen, mit dem Verstand nicht zu erklärenden Kräften sei, denn für das Schlechte wird es immer eine rationale Erklärung geben (…) Was wirklich irrational und unerklärbar ist, ist nicht das Schlechte, sondern im Gegenteil das Gute“.
Und Kertész verweist darauf, dass es selbst in Konzentrationslagern, selbst in Auschwitz Menschen gegeben hat, die Anderen halfen, die selbst im Lager an der tagtäglichen Moral fest hielten, der Sorge um den Anderen, und die damit der Entmenschlichung entgegen traten.
