Von: Jisrael Jitzchak Rosenfeld
פרשת דברים – Paraschas Devarim
Die Stimme Mosches und das Erwachen der Seele – Eine Betrachtung auf der Ebene von Sod
„אֵלֶּה הַדְּבָרִים אֲשֶׁר דִּבֶּר מֹשֶׁה“
„Dies sind die Worte, die Mosche sprach…“
(Devarim 1,1)
Der Zohar lehrt,
dass die Tora nicht bloß aus Geschichten oder Geboten besteht.
Jedes Wort ist ein Gewand für unendliches g“ttliches Licht.
Das erste Wort unseres Buches
–Devarim (Worte)– weist auf die schöpferische Kraft der Sprache hin.
Durch das g“ttliche Wort entstand die Welt, und durch geheiligte Worte wird die Seele wieder mit ihrer Quelle verbunden.
Der ARIzal
erklärt,
dass das Buch Devarim der Sefira Malchus entspricht
– der Sefira des Ausdrucks, der Sprache und der Offenbarung.
Die ersten vier Bücher der Tora sind überwiegend das direkte Wort HaSchems.
Das fünfte Buch wird durch Mosche Rabbenu ausgesprochen.
Doch genau darin liegt das Geheimnis:
Mosches Stimme ist so vollkommen mit dem
g“ttlichen Willen vereint,
dass seine Worte selbst zum Gefäß der Schechina werden.
Der Zohar sagt:
„אורייתא וקודשא בריך הוא וישראל חד הוא.“
„Die Tora, der Heilige – gelobt sei ER – und Israel sind eins.“
(Zohar II, 90b)
Mosche Rabbeinu spricht daher nicht aus seinem Ego. Seine Sprache ist vollständig Bitul, Selbstaufhebung vor HaSchem.
Deshalb können seine Worte g“ttliches Licht offenbaren.
Rebbe Nachman sz“l lehrt (Likkutei MoHaRan I, 19),
dass jede heilige Rede den Menschen aus den Fesseln der Unreinheit herausführt.
Wer Worte der Tora mit Reinheit spricht,
richtet die Sefira Malchus auf und verbindet sie erneut mit den höheren Sefiros.
Jede Äußerung von Tora wird dadurch zu einem Jichud, einer mystischen Vereinigung.
Warum beginnt Paraschas Devarim stets kurz vor Tischa beAw?
Die Kabbala erklärt, dass der Churban nicht zuerst im Tempel geschah,
sondern in der Sprache.
Laschon Hara,
Streit und Trennung erzeugen geistige Mauerrisse lange bevor Steine einstürzen.
Der zerstörte Tempel ist die sichtbare Folge einer verborgenen Zerstörung von Malchus.
Deshalb beginnt Mosche seine Abschiedsrede mit Worten der Ermahnung. Nicht um zu verletzen, sondern um die zerbrochenen Gefäße zu heilen. Wahre Tochacha bringt den Menschen nicht zur Verzweiflung,
sondern öffnet den Weg zur Teschuvah.
Reb Nosson sz“l schreibt in Likkutei Halachos,
dass jedes ehrliche Wort der Teschuwa verlorene Funken der Heiligkeit sammelt.
Kein aufrichtiges Gebet geht verloren.
Jede Träne steigt hinauf und wird Teil des künftigen Baus des
dritten Beis HaMikdasch.
Der ARIzal offenbart, dass in den Tagen von Bein HaMetzarim die g“ttlichen Lichter scheinbar verborgen werden.
Doch gerade dann kann der Mensch durch Gebet und Tora tiefere Lichter offenbaren als gewöhnlich.
Die Dunkelheit ist nur ein Schleier vor einem größeren Licht.
Das Wort
אֵלֶּה
(Eileh) besitzt eine tiefe Symbolik.
Nach dem Zohar bezeichnet „Eileh“ die offenbaren Welten,
während „Mi“ auf die verborgene Welt von Bina hinweist.
Werden Mi und Eileh vereint, entsteht der Name
אלקים
(Elohim).
Die Aufgabe des Menschen besteht darin,
die verborgene g“ttliche Wirklichkeit in der sichtbaren Welt zu offenbaren.
Mosche beginnt deshalb mit
„Eileh HaDevarim“:
Die Worte sollen die verborgene Welt in der sichtbaren Welt enthüllen.
Rebbe Nachman sz“l offenbart außerdem,
dass jeder Mensch seine eigene innere Stimme Mosches besitzt
– den Punkt der Wahrheit in der Seele,
der niemals verunreinigt wird.
Selbst wenn ein Mensch tief gefallen ist, bleibt dieser Punkt bestehen.
Durch Hisbodedus, durch ehrliches Sprechen mit HaSchem, beginnt diese Stimme wieder hörbar zu werden.
Gerade in den Tagen vor Tischa beAw ist dies die eigentliche Avodah:
Weniger über andere zu sprechen und mehr mit HaSchem zu sprechen.
Denn dort,
wo das heilige Wort zurückkehrt,
beginnt bereits der Wiederaufbau Jeruschalajims.
Mögen wir würdig werden,
dass unsere Devarim keine leeren Worte bleiben,
sondern Gefäße für die Schechina werden.
Mögen wir die zerstreuten Funken sammeln,
die Einheit zwischen
Mi und Eileh
vollenden und den Tag erleben,
an dem sich erfüllt:
„ציון במשפט תפדה ושביה בצדקה“
„Zion wird durch Recht erlöst werden und seine Rückkehrenden durch Gerechtigkeit.“
(Jeschajahu 1,27)
