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RABBEINU TAM – „Diese und jene sind Worte des lebendigen G’ttes“

Parscha Korach

RABBEINU TAM

„Diese und jene sind Worte des lebendigen G’ttes“

Eine zeitlose Lehre von Rabbeinu Tam und den Tefillin

Heute begehen wir die Jahrzeit von Rabbeinu Tam seligen Angedenkens, einem der bedeutendsten Ba’alei HaTosafot und einer der herausragenden Gelehrten des mittelalterlichen Judentums. Mit seinem Namen ist eine der bekanntesten halachischen Diskussionen verbunden – die Frage nach der Anordnung der Abschnitte in den Tefillin.

Eine faszinierende Überlieferung zu diesem Thema stammt von Rabbeinu Ja’akov aus Marvege seligen Angedenkens, dem Verfasser des Werkes Schu“t Min HaSchamajim („Responsen aus dem Himmel“). Er war dafür bekannt, vor dem Schlafengehen schwierige halachische Fragen zu formulieren und den Himmel um Antwort zu bitten. In seinen Träumen wurden ihm nach seiner Überlieferung Antworten von oben offenbart.

Eines Tages fragte er nach dem berühmten Streit zwischen den Tefillin nach der Auffassung Raschis und jenen nach der Auffassung Rabbeinu Tams. Die Antwort, die er erhielt, war ebenso überraschend wie tiefgründig:

„Diese und jene sind Worte des lebendigen G’ttes. So wie es unten einen Streit gibt, gibt es auch oben einen Streit. Der Heilige, gelobt sei Er, sagt, dass die Havajot in die Mitte gehören, während das himmlische Gericht sagt, sie sollen in ihrer gewohnten Reihenfolge bleiben.“

Nach dieser himmlischen Antwort entspricht die Auffassung Rabbeinu Tams dem Willen HaSchems selbst, während die Auffassung Raschis vom himmlischen Gericht vertreten wird. Beide Ansichten besitzen somit eine himmlische Grundlage und werden als legitime Ausdrucksformen göttlicher Wahrheit anerkannt.

Mehr als nur ein halachischer Disput

Diese Aussage eröffnet einen bemerkenswerten Blick auf das Wesen der Tora. Oft neigen Menschen dazu, jede Meinungsverschiedenheit als Kampf zwischen richtig und falsch zu betrachten. Die himmlische Antwort lehrt jedoch etwas anderes: Nicht jede Auseinandersetzung dient dazu, einen Sieger zu bestimmen. Manche Diskussionen offenbaren vielmehr die Vielschichtigkeit der göttlichen Weisheit.

Wenn sogar in den himmlischen Sphären unterschiedliche Perspektiven nebeneinander bestehen können, dann zeigt dies, dass die Wahrheit der Tora tiefer und umfassender ist, als der menschliche Verstand sie vollständig erfassen kann.

Die Suche nach dem Willen HaSchems

Vielleicht liegt hierin eine der wichtigsten Lehren für jeden Juden. Das höchste Ziel besteht nicht immer darin, dass alle Menschen dieselbe Meinung vertreten. Das eigentliche Ziel ist vielmehr, dass jeder Mensch aufrichtig und ehrlich nach dem Willen HaSchems sucht.

Die großen Gelehrten Israels stritten nicht um persönlichen Ruhm oder um Macht. Ihr einziges Anliegen war die Erkenntnis der Wahrheit der Tora. Gerade deshalb konnten unterschiedliche Ansichten nebeneinander bestehen und dennoch beide als „Worte des lebendigen G’ttes“ gelten.

Eine Botschaft für unsere Zeit

In einer Welt, die oft von Polarisierung und Streit geprägt ist, erinnert uns diese Geschichte daran, dass wahre Größe nicht darin liegt, jede Diskussion zu gewinnen. Wahre Größe besteht darin, die Wahrheit zu suchen, Demut zu bewahren und anzuerkennen, dass die göttliche Weisheit größer ist als die eigene Perspektive.

Mögen wir lernen, mit derselben Aufrichtigkeit nach HaSchems Willen zu streben wie die großen Gelehrten vergangener Generationen. Mögen wir die Fähigkeit entwickeln, unterschiedliche Sichtweisen mit Respekt zu betrachten und stets die Ehre des Himmels vor Augen zu haben.

Und mögen wir das Verdienst erlangen, unser Leben in Wahrheit und Lauterkeit zu führen – bis HaSchem selbst unser Handeln billigt.

Zum Gedenken an die Jahrzeit von Rabbeinu Tam seligen Angedenkens.

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