Von: Jisrael Jitzchak Rosenfeld
Dass zweite Heh – ה
„קַוֵּה אֶל ה‘, חֲזַק וְיַאֲמֵץ לִבֶּךָ, וְקַוֵּה אֶל ה'“
„Harre auf HaSchem;
sei stark und Dein Herz fasse Mut; ja, harre auf HaSchem.“
(Tehillim 27)
„כַּתַּר לִי זְעֵיר וַאֲחַוֶּךָ“
„Warte ein wenig, und ich werde Dir offenbaren.“
(vgl. Likkutei MoHaRan I, 6)
Der Mensch glaubt gewöhnlich, dass der Weg zu HaSchem darin besteht, immer mehr zu verstehen.
Doch Rabbeini eröffnet einen anderen Weg:
Nicht das Verstehen bringt den Menschen zu HaSchem,
sondern das Ausharren an der Grenze des Verstehens.
Diese Grenze nennt die Kabbala Keser.
Keser ist die Krone.
Sie ist der höchste Punkt,
den der menschliche Verstand erreichen kann.
Dort enden alle Erklärungen.
Dort beginnen keine Antworten
– sondern Stille.
Gerade dort offenbart Rebbe Nachman sz“l ein tiefes Geheimnis.
Wenn der Mensch bis an diese Grenze gelangt,
darf er nicht weiterdrängen.
Er muss warten.
Nicht weil HaSchem schweigt.
Sondern weil die Seele noch nicht bereit ist zu empfangen.
Reb Nosson sz“l beschreibt diesen Zustand als
המתנה
– Hamtanah.
Nicht verlorene Zeit.
Nicht Stillstand.
Sondern das Reifen des Gefäßes.
Vielleicht liegt gerade hier das Geheimnis des zweiten Heh des vierbuchstabigen Namens HaSchems.
Nach der Kabbala entspricht das zweite ה der Sefirah Malchus, der Welt des Empfangens, der Offenbarung und der Schechinah.
Malchus besitzt kein eigenes Licht.
Ihre ganze Größe
besteht darin, dass sie empfängt.
Und empfangen kann nur,
wer gelernt hat zu warten.
Darum ist das Heh offen.
Es ist kein verschlossener Buchstabe.
Es besitzt einen leeren Innenraum.
Gerade diese Leere macht es zum Gefäß für die Gegenwart HaSchems.
Solange das Herz von den eigenen
Vorstellungen erfüllt ist, bleibt wenig Raum für das g“ttliche Licht.
Erst wenn der Mensch sagen kann:
„Ribbono schel Olam – ich verstehe nicht, aber ich bleibe bei Dir.“
beginnt das zweite Heh in seinem Herzen zu leuchten.
Hier beginnt das Geheimnis der Hiskaschrus.
Viele verstehen darunter lediglich die Liebe oder Ehrfurcht gegenüber dem Tzaddik.
Doch Breslov lehrt mehr.
Der wahre Tzaddik lebt ständig an der Schwelle des Keser.
Er lebt nicht aus seinem eigenen Verstand.
Er wartet auf das Wort HaSchems.
Seine Größe besteht nicht allein in seinem Wissen.
Sie besteht in seinem vollkommenen Bitul, seiner völligen Selbsthingabe vor dem Willen HaSchems.
Darum bindet sich der Mensch an den Tzaddik.
Nicht damit der Tzaddik seinen Dienst übernimmt.
Sondern damit er lernt, wie ein Mensch empfängt.
Denn Wissen sammelt.
Weisheit wartet.
Darum braucht der Mensch den Tzaddik.
Nicht damit dieser ihm alle Antworten gibt.
Sondern damit er lernt, auf HaSchem zu warten,
ohne jemals die Hoffnung zu verlieren.
Reb Nosson sz“l schreibt immer wieder, dass jede Verzögerung eine verborgene Barmherzigkeit ist.
Würde HaSchem das Licht sofort schenken, könnte das Gefäß zerbrechen.
Darum schenkt ER zuerst Sehnsucht.
Dann Geduld.
Dann Emunah.
Und erst danach Offenbarung.
Das ist die Ordnung des Himmels.
Nicht zuerst Licht.
Sondern zuerst das Gefäß.
Nicht zuerst Antwort.
Sondern zuerst Verlangen.
Nicht zuerst Erfüllung.
Sondern zuerst Hiskaschrus.
Vielleicht können wir deshalb drei Worte nebeneinanderstellen:
השם
התקשרות
המתנה
Alle beginnen mit dem Buchstaben ה.
Denn das Heh ist der Buchstabe der Offenheit.
Der Offenheit für HaSchem.
Der Offenheit für die Torah.
Der Offenheit für den Rat des Tzaddik.
Der Offenheit,
auch dann treu zu bleiben,
wenn das Licht noch verborgen ist.
Darum fürchtet sich der Breslover nicht vor Zeiten der Trockenheit.
Wenn das Gebet schwerfällt,
wenn die Torah verschlossen scheint,
wenn Hisbodedus nur aus Schweigen besteht,
dann sagt er nicht:
„HaSchem hat mich verlassen.“
Er sagt:
„Ich stehe vor Keser.
Jetzt beginnt die Hamtanah.
Jetzt wächst mein Gefäß.
Jetzt lerne ich, nicht aus Gefühl zu dienen, sondern aus Emunah.“
Gerade dort offenbart sich die wahre Hiskaschrus.
Denn solange alles leicht ist,
folgt der Mensch seiner Begeisterung.
Erst wenn alles dunkel wird und er trotzdem am Rat des Tzaddik festhält,
zeigt sich,
dass seine Verbindung echt ist.
Dann verbindet der
Tzaddik sein Herz mit der Torah.
Die Torah verbindet ihn mit HaSchem.
Und HaSchem öffnet das zweite Heh.
Dann wird die
Schechina im Herzen des Menschen offenbar.
Nicht weil er alles verstanden hätte.
Sondern weil er gelernt hat zu warten.
Hier können wir noch einen feinen Hinweis erkennen.
Das Wort
מַתָּנָה
(Mattanah)
bedeutet Geschenk.
Das Wort
הַמְתָּנָה
(Hamtanah)
bedeutet Warten.
Zwischen beiden steht nur ein einziger Buchstabe
– das
ה.
Im einfachen Sinn ist dieses Heh ein grammatikalischer Buchstabe.
Doch auf dem Weg dieser Drascha dürfen wir darin einen tieferen Hinweis sehen.
Vielleicht ist dieses Heh gerade das zweite Heh des Namens HaSchems.
Solange der Mensch nur nach der
מתנה
nach dem Geschenk sucht
– nach Licht, Freude, Antworten oder Inspiration
–, richtet sich sein Blick auf das, was er empfangen möchte.
HaSchem aber fügt ein ה hinzu.
Aus
מתנה
wird
המתנה
Aus dem Geschenk wird zunächst das Warten.
Warum?
Weil HaSchem dem Menschen nicht nur eine Gabe schenken möchte.
ER möchte ihn zuerst zu einem Gefäß machen, das diese Gabe tragen kann.
Deshalb ist
המתנה
nicht das Gegenteil von
מתנה
Sie ist ihre Vorbereitung.
Sie ist ihre Reinigung.
Sie ist ihr Weg.
Jede wahre Gabe HaSchems wird durch heiliges Warten geboren.
Darum muss der Breslover das Warten nicht fürchten.
Ich gebe zu nicht einfach!
Wenn das Gebet trocken erscheint,
wenn die Torah verschlossen bleibt,
wenn Hisbodedus nur aus einem einzigen Seufzer besteht,
dann darf er wissen:
Vielleicht schenkt
HaSchem mir jetzt nicht weniger.
Vielleicht schenkt ER mir mehr.
Nicht die Gabe selbst.
Sondern die Fähigkeit, sie eines Tages wirklich zu empfangen.
So wird aus
המתנה
schließlich wieder
מתנה
Nicht weil das Heh verschwindet.
Sondern weil das Heh seine Aufgabe erfüllt hat.
Es hat das Herz geöffnet.
Es hat das Gefäß erweitert.
Es hat den Menschen gelehrt,
dass jede Verzögerung, die von HaSchem kommt,
bereits ein Ausdruck Seiner Barmherzigkeit ist.
Dann erkennt der Mensch rückblickend:
Ich habe nicht nur auf
HaSchem gewartet.
HaSchem hat mein Herz vorbereitet.
Vielleicht ist genau das die tiefste Bedeutung des zweiten ה.
Es ist der Buchstabe, der das Warten in Vertrauen verwandelt.
Die Sehnsucht in ein Gefäß.
Die Geduld in Emunah.
Die Hiskaschrus in lebendige Verbindung.
Und schließlich die
המתנה
in die wahre
מתנה
– das größte Geschenk überhaupt:
Die Nähe HaSchems.
Möge HaSchem uns schenken,
in den Zeiten des Wartens nicht ungeduldig zu werden; uns mit ganzer Seele an den Tzaddik der Wahrheit zu binden;
die Torah mit Freude und Einfachheit zu lernen;
in Hisbodedus auszuharren;
und das zweite Heh unseres Herzens zu einer Wohnung der Schechina zu machen.
