Von: Jisrael Jitzchak Rosenfeld
Breslover und kabbalistische Gedanken zu Paraschas Schelach Lach
(שלח לך)
Die Sünde der Kundschafter (Meraglim) ist nach der Kabbala nicht bloß ein historisches Ereignis.
Sie beschreibt einen inneren geistigen Kampf:
Will der Mensch in der Welt der Ideen und spirituellen Erfahrungen bleiben, oder ist er bereit, die Heiligkeit in die konkrete Wirklichkeit hineinzutragen?
1. Der ARI (Rabbi Jitzchak Luria) – Die Angst vor der Heiligkeit der Materie
Jitzchak Luria, der heilige ARIzal, lehrt in den von seinem Schüler Chaim Vital sz“l aufgezeichneten Ausführungen zu Schelach Lach,
dass die Kundschafter keine gewöhnlichen Sünder waren.
Sie waren hohe Seelen, die sich davor fürchteten,
ihre geistige Stufe nach dem Eintritt ins Land Yisrael zu verlieren.
כי המרגלים היו יראים פן בכניסתם לארץ יתעסקו בעניני העולם ויאבדו מעלתם
Die Kundschafter fürchteten, dass sie beim Eintritt ins Land mit den Angelegenheiten dieser Welt beschäftigt sein würden und dadurch ihre hohe spirituelle Stufe verlieren könnten.
שער הפסוקים, פרשת שלח
(Scha’ar HaPesukim, Paraschas Schelach Lach) nach den Lehren des ARIzals.
Breslover Deutung
Der Fehler bestand nicht in mangelnder Frömmigkeit,
sondern in einer Frömmigkeit, die vor der Wirklichkeit flieht.
HaSchem wollte nicht Engel in der Wüste, sondern Juden, die Felder bestellen, Häuser bauen und dabei die Schechina offenbaren.
2. Chaim Vital – Eretz Yisrael als Ort der Tikkunim
ארץ ישראל היא מקום תיקון הנפש בשלמות
Das Land Yisrael ist der Ort, an dem die Seele ihre Vollendung und Korrektur erreicht.
שער המצוות, שלח
und parallele Stellen im lurianischen Lehrsystem.
Gedanke
Die Kundschafter sahen die Schwierigkeiten des Landes.
Sie verstanden jedoch nicht,
dass genau diese Schwierigkeiten das Werkzeug der spirituellen Vervollkommnung sind.
Nach dem ARIzal ist die höchste G“ttesoffenbarung nicht im Rückzug von der Welt,
sondern in der Heiligung der Welt.
3. Der Ramak (Rabbi Mosche Cordovero) – Das Sehen mit den Augen des Glaubens
Mosches Cordovero, der Ramak sz“l,
betont immer wieder, dass die Wahrnehmung des Menschen von seinem inneren Zustand abhängt.
Ein Gedanke, der auf Schelach Lach angewandt wird:
כפי מה שהאדם מודד כך מודדין לו
So wie der Mensch misst, wird ihm zugemessen.,
Tomer Devorah, Kap. 1.
Anwendung auf Schelach Lach
Zehn Kundschafter sahen Riesen.
Jehoschua und Kalew sahen dieselbe Realität, aber sie sahen gleichzeitig die g“ttliche Verheißung.
Der Ramak sz“l lehrt:
Die Wirklichkeit wird nicht nur durch das Auge gesehen, sondern durch das Bewusstsein interpretiert.
Rebbe Nachman von Breslov sz“l
zu Schelach Lach
Rabbeinu verbindet die Geschichte der Kundschafter immer wieder mit dem Thema Emuna und Eretz Yisrael.
4. Eretz Yisrael und Emuna
עיקר קדושת ארץ ישראל נמשך על ידי אמונה
Die eigentliche Heiligkeit des Landes Israel wird durch den Glauben empfangen.
Erklärung
Die Kundschafter verloren nicht zuerst das Land
– sie verloren zuerst die Emuna.
Wer nur nach natürlicher Wahrscheinlichkeit urteilt,
sieht Hindernisse.
Wer mit Emuna schaut, erkennt die Führung HaSchems.
5. Der Fehler der Kundschafter:
Sich selbst größer machen als HaSchem
כי עיקר הנפילה הוא על ידי פחד
Der eigentliche Fall des Menschen geschieht durch Furcht.
Quelle: Likutey Moharan, zahlreiche Torot zum Thema Emuna und Bitachon.
Breslover Auslegung
Die Kundschafter sagten:
„Wir waren wie Heuschrecken in unseren Augen“
(Bamidbar 13,33).
Rebbe Nachman sz“l sieht darin ein Grundprinzip:
Wenn ein Mensch sich selbst klein macht und die Macht HaSchems vergisst, entsteht geistiger Exilzustand.
6. Die positive Botschaft von Kalew und Jehoschua
אם ירצה ה‘ והביא אותנו אל הארץ הזאת
(Bamidbar 14,8)
Wenn HaSchem Gefallen an uns hat, wird Er uns in dieses Land bringen.
Nach Breslov liegt hier die ganze Antwort auf die Kundschafter:
Nicht
„Können wir?“, sondern
„Will HaSchem?“
Die Frage der Emuna ersetzt die Frage der Berechnung.
Eine gemeinsame kabbalistische Synthese
ARIzal, Chaim Vital sz“l, Ramak sz“l und Rebbe Nachman sz“l führen alle zu demselben Punkt:
Die Kundschafter wollten Heiligkeit ohne Herausforderung.
HaSchem wollte:
- Heiligkeit im Acker
- Heiligkeit im Geschäft
- Heiligkeit in der Familie
- Heiligkeit im Kampf mit dem Yetzer Hara
- Heiligkeit im Lande Yisrael
Rebbe Nachmans sz“l Zusammenfassung
כל העולם כולו גשר צר מאד והעיקר לא לפחד כלל
Die ganze Welt ist eine sehr schmale Brücke und das Wesentliche ist, sich überhaupt nicht zu fürchten.
Im Licht von Schelach Lach
könnte man sagen:
Die zehn Kundschafter sahen die schmale Brücke und hatten Angst.
Jehoschua und Kalew sahen dieselbe Brücke – und gingen weiter.
