War Jaakov – damals 63 Jahre alt – darauf aus, Jizchaks Segen zu stehlen?
Nein!
Der Segen gehörte ihm bereits, denn er hatte das Erstgeburtsrecht mitsamt den zugehörigen geistigen Privilegien fünfzig Jahre zuvor von Esaw rechtmäßig erworben.
Jizchak wusste jedoch nichts von diesem Handel. Esaw konnte es ihm nicht sagen, ohne seine völlige Geringschätzung für das Erstgeburtsrecht offenzulegen und dadurch in Ungnade zu fallen. Auch Jaakov schwieg, um seinen Bruder nicht zu beschämen.
So entstand die Notwendigkeit der Verkleidung.
Doch warum wollte Jizchak überhaupt Esaw segnen?
War ihm Esaws wahre Natur nach 63 Jahren entgangen?
Um dies zu verstehen, muss man Jizchaks Weltsicht betrachten. Er sah die Spaltung zwischen Körper und Geist in der Menschheit und wollte eine harmonische Verbindung schaffen. Seine Idee war, die materielle Welt Esaw zuzuweisen und die spirituelle Jaakov – unter der Voraussetzung eines partnerschaftlichen, gegenseitigen Unterstützungsverhältnisses.
Esaw sollte für den Lebensunterhalt sorgen und Jaakov würde durch seine Tora-Arbeit Esaws materielles Wirken heiligen.
Rivka jedoch erkannte früh, dass Esaw diese Rolle nie erfüllen würde. Sie stammte aus einer Umgebung voller Täuschung und kannte manipulative Charaktere: ihr Vater Betuël, bekannt für unlautere Sitten, und ihr Bruder Lavan, ein Meisterbetrüger.
Gerade weil sie „eine Rose unter Dornen“ war, durchschaute sie Esaws Fassade. Während Jizchak sich von Esaws vermeintlicher Wohltätigkeit blenden ließ, wusste Rivka, dass er seine Ressourcen ausschließlich für eigene Vergnügungen nutzen würde und keinerlei Interesse an spirituellen Werten hatte.
Deshalb griff Rivka ein. Sie verstand, dass Jaakov ohne die Segen wirtschaftlich und geistig gefährdet wäre. Die Vorsehung hatte sie – trotz ihres schwierigen familiären Hintergrunds – genau für diesen entscheidenden Moment vorbereitet.
Sie war die Einzige, die Jizchaks Plan rechtzeitig korrigieren konnte, damit das geistige Erbe Israels gesichert blieb.
Die berühmte Episode der Verkleidung bleibt dennoch irritierend. Jaakov musste sich mit Ziegenfellen bedecken, um wie Esaw zu erscheinen. Doch ein Segen lässt sich nicht stehlen: Wenn er dem Falschen gegeben wird, bleibt er wirkungslos, denn letztlich kommt aller Segen von G‘tt, der nicht zu täuschen ist.
Jaakov holte nicht etwas Fremdes, sondern etwas zurück, das ihm bereits gehörte. Esaw hatte das Erstgeburtsrecht verachtet und ohne Zögern verkauft – das eigentliche Unrecht bestand darin, dass er diesen Verkauf vor Jizchak verschwieg.
So zeigt die Parascha, dass Jaakovs Handeln kein Diebstahl war, sondern die Wiederherstellung einer Wahrheit, die nur Rivka kannte und die für die Zukunft des Volkes Israel entscheidend war.
