In der Parascha der letzten Woche lesen wir den Vers:
„Der Ewige sprach zu Mosche und Aharon und gebot ihnen (וַיְצַוֵּם) bezüglich der Kinder Israels und des Pharao, des Königs von Ägypten, die Kinder Jisraels aus dem Land Ägypten herauszuführen“ (Schemos 6,13).
Reb Zusha von Anipoli z“l stellt zu diesem Vers eine feine, aber tiefgreifende Frage:
Der Auftrag an Mosche und Aaron, was sie dem Pharao sagen sollen, ist eindeutig – er soll Jisrael freilassen.
Doch was genau war der Befehl an die Kinder Jisraels selbst gerichtet?
Reb Zusha erklärt, dass das Wort
וַיְצַוֵּם
mehr bedeutet als
„ER befahl ihnen“.
Es wurzelt im Begriff
צַוְתָּא
– tzavta, der Verbindung, Gemeinschaft und Einheit bezeichnet.
Der eigentliche g“ttliche Auftrag an Mosche und Aaron war daher, Am Jisrael zu einen – es zu einem Volk mit einem Herzen zu machen.
So wird überliefert:
„צַוְתָּא וְחִבּוּר – שֶׁיִּהְיוּ יִשְׂרָאֵל מְחֻבָּרִים זֶה לָזֶה“
„Tzavta bedeutet Verbindung: dass Israel miteinander verbunden sei“ (Sipurei Chassidim, Anipoli-Überlieferung).
Nach Reb Zusha z“l liegt hier ein Schlüssel zum Verständnis der Erlösung:
Nicht der Pharao ist letztlich die Ursache der Knechtschaft, sondern die innere Spaltung des Volkes.
Wo Trennung herrscht, dort findet der Pharao
– als Symbol von Angst, Lüge und Unterdrückung – seinen Halt.
Wo aber Einheit entsteht, verliert er seine Macht.
In chassidischen Quellen wird Reb Zusha z“l sinngemäß zugeschrieben:
„כְּשֶׁיֵּשׁ פֵּרוּד בֵּין יִשְׂרָאֵל – פַּרְעֹה מוֹשֵׁל; וּכְשֶׁיֵּשׁ אַחְדוּת – אֵין לוֹ שְׁלִיטָה“
„Wenn Trennung unter Israel ist, herrscht der Pharao; wenn Einheit ist, hat er keine Herrschaft.“
Diese Idee führt direkt zu Paraschas Bo.
Dort beginnt die tatsächliche Befreiung, doch zuvor hören wir:
„Sie hörten nicht auf Mosche wegen Kurzatmigkeit (קֹּצֶר רוּחַ) und harter Arbeit“ (Schemos 6,9).
Der Chassidus versteht Kotzer Ruach nicht nur als körperliche Erschöpfung, sondern als innere Enge, tiefe Enttäuschung und Einsamkeit
– das Gefühl, abgeschnitten zu sein, keine Hoffnung mehr zu haben.
Erst in Paraschas Bo handelt Israel erstmals als Gemeinschaft:
Das Pessach-Opfer, das gemeinsame Essen, das Blut an den Türen.
Die Erlösung geschieht nicht isoliert, sondern im Miteinander.
Reb Zusha z“l war bekannt für seine Sensibilität gegenüber menschlicher Zerbrochenheit. Ihm wird der Gedanke zugeschrieben:
„כְּשֶׁאָדָם נוֹפֵל וּמִתְיָאֵשׁ – מִפְּנֵי שֶׁהוּא חוֹשֵׁב שֶׁהוּא לְבַד“
„Wenn ein Mensch fällt und verzweifelt, dann weil er glaubt, allein zu sein“ (Sipurei Chassidim).
Tiefe Enttäuschung ist demnach nicht nur Schmerz, sondern ein Zustand der inneren Golus
– der Trennung.
Hier berührt sich Reb Zushas Lehre eng mit der Breslover Chassidus.
Rabbeinu Nachman von Breslov lehrt:
„אֵין שׁוּם יֵאוּשׁ בָּעוֹלָם כְּלָל“
„Es gibt überhaupt keine Verzweiflung in der Welt“ (Likutei Moharan II, 78).
Und zugleich:
„כָּל הָעוֹלָם כֻּלּוֹ גֶּשֶׁר צָר מְאֹד, וְהָעִקָּר לֹא לְפַחֵד כְּלָל“
„Die ganze Welt ist eine sehr schmale Brücke, und das Wesentliche ist, sich nicht zu fürchten“ (Likutei MoHaRan II, 48).
Rabbi Nachman z“l erklärt, dass Verzweiflung dort entsteht, wo der Mensch sich von HaSchem und von anderen Menschen getrennt erlebt.
Heilung beginnt mit Wahrheit
– und Wahrheit braucht Verbindung.
Genau darin liegt die Brücke zwischen Reb Zusha z“l, Paraschas Bo und Breslov Chassidus:
Erlösung beginnt dort, wo Einsamkeit überwunden und Verbindung wiederhergestellt wird.
So wird
„וַיְצַוֵּם“
zu einer zeitlosen Botschaft:
Bevor wir dem äußeren Pharao entgegentreten können, müssen wir die innere Spaltung heilen. Wo Einheit, Wahrhaftigkeit und Mitgefühl herrschen, können Lüge und Böses nicht bestehen
– und selbst tiefe Enttäuschung verwandelt sich in den ersten Schritt der Ge’ula.
