Jüdisch! Die Tora lernen und leben.

Der verhärtete Wille – freier Wille, göttliche Stärkung und Umkehr

Eine der tiefsten Fragen der Parascha Bo betrifft den freien Willen des Pharao. 

Die Tora sagt:

„Und der Ewi-ge sprach zu Mose: Geh zum Pharao, denn ich habe sein Herz und das Herz seiner Diener verhärtet, damit ich meine Zeichen unter ihnen setze.“ (Schemos 10,1)

Auf den ersten Blick scheint dies den Grundsatz der Tora zu untergraben: 

Wie kann es Verantwortung geben, wenn der freie Wille genommen wurde?

Der Midrasch antwortet klar:

„Der Heilige, gepriesen sei Er, nahm ihm nicht die Wahlfreiheit, sondern stärkte sein Herz“ (Schemos Rabba 13,3).

Pharao wollte unterdrücken. 

Pharao wollte nicht loslassen. 

HaSchem zwang ihn nicht, sondern gab ihm Kraft, genau das zu tun, was er ohnehin wollte. Die Verhärtung des Herzens ist keine Manipulation, sondern eine Konsequenz innerer Ausrichtung.

Der Sfas Emes (Paraschas Bo 5641) lehrt daraus ein geistiges Gesetz: 

„So wie der Mensch auf dem Weg gestärkt wird, den er gehen will, so gilt dies auch für das Gute.

Der Mensch wählt die Richtung

– HaSchem gibt die Kraft.“

Wenn ein Mensch sich immer wieder danach sehnt, sein Herz vom Jetzer Hara zu lösen, dann stärkt HaSchem sein Herz in Heiligkeit.

Der Baal Schem Tov formuliert dieses Prinzip grundlegend: 

„In allem, was ein Mensch will und begehrt zu gehen, auf diesem Weg wird er vom Himmel geführt.“ (Makos 10b, Keser Schem Tow).

Dies ist keine passive Erlaubnis, sondern aktive g“ttliche Unterstützung. Wenn ein Mensch sich mit Nachdruck an eine Sache bindet, wird er auch vom Himmel darin gestärkt. 

Der Baal Schem Tov fügt hinzu:

„טוֹב מְעַט בְּלֵב שָׁלֵם מֵהַרְבֵּה בְּלֹא לֵב“

„Ein kleiner, echter Wille zur Heiligkeit wirkt mehr als große Vorsätze ohne Herz.“ (Keser Schem Tov, Abschnitt 121, Lehren des Baal Schem Tov)

Schon ein unvollkommener, aber aufrichtiger Wunsch beginnt, das Herz zu formen.

Rebbe Nachman von Breslov lehrt:

„Ein starker Wille wirkt Großes“ (Likkutei MoHaRan I, 66). 

In Likkutei Eitzos heißt es:

„עִקַּר הַכֹּל הוּא הָרָצוֹן. וְאִם רוֹצֶה הָאָדָם בֶּאֱמֶת – הַשֵּׁם יִתְבָּרַךְ פּוֹתֵחַ לוֹ שְׁעָרִים“

„Das Wesentliche von allem ist der Wille. Und wenn der Mensch es wahrhaft will, öffnet HaSchem ihm Tore.“ (Rabbi Nachman von Breslov, Likkutei Eitzos, Abschnitt „Wille“.)

Der Sohar erklärt:

 „Pharao ist der böse Trieb“  (Sohar II, 34a). 

Doch gerade dadurch wird der Name HaSchems erhöht. 

Ohne Pharao gibt es keinen Exodus. Ohne inneren Widerstand keine Dweikus.

Der heilige ARIzal schreibt im Etz Chaim: 

Etz Chaim – Schaar Alef (שער א), Anaf Bet (ענף ב)

„Das höhere Licht kleidet sich in das Gefäß entsprechend dem Maß des Willens.“

Der Wille bestimmt, welches Licht empfangen wird.

Das Sefer Jetzirah sagt in Kapitel 1, Mischna 3

„Das Herz in der Seele ist wie ein König im Krieg.“

Der Kampf ist unvermeidlich 

– die Frage ist nur, wer herrscht.

Der Baal HaSulam fasst es zusammen:

„Es gibt kein Licht ohne Gefäß.

Eine Erweckung von unten erzwingt eine Erweckung von oben.

Alles hängt von der Vorbereitung und Ausrichtung des menschlichen Willens ab.“

(Rabbi Jehuda Leib HaLevi Aschlag (Baal HaSulam), Einführung zum Talmud Eser Sefiros, Abschnitt 155.)

Der Baal HaSulam erklärt das Verhältnis zwischen freiem Willen und g“ttlicher Hilfe als ein festes geistiges Gesetz. 

Der Mensch wählt nicht das Licht, sondern bereitet durch seinen Willen das Gefäß vor, in das das Licht eintreten kann. 

Die g“ttliche Unterstützung ist daher keine Aufhebung des freien Willens, sondern eine Antwort auf ihn. Entsprechend stärkt HaSchem den Menschen auf dem Weg, den er innerlich gewählt hat, so wie beim Pharao zur Verstockung und beim Suchenden zur Heiligkeit. 

Alles hängt von der Ausrichtung und Beharrlichkeit des menschlichen Willens ab.

Der Baal Schem Tow lehrt: „Alles, was in der Tora geschieht, geschieht im Menschen selbst. Pharao ist die innere Stimme, die nicht loslassen will.“

Jisrael ist der Punkt im Herzen, der dienen will. HaSchem stärkt denjenigen, dem wir Macht geben.

Pharaos Größe war seine Hartnäckigkeit.

Sein Fehler war ihre Richtung. 

Wenn wir seine Beharrlichkeit nehmen und sie zur Heiligkeit wenden, dann verhärtet HaSchem auch unser Herz 

– nicht zur Verstockung, sondern zur Standhaftigkeit in Dweikus.

Möge es uns gelingen, eine Hartnäckigkeit der Heiligkeit zu erlangen.

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