Jüdisch! Die Tora lernen und leben.

Wahrheit darf nicht im Inneren Stecken bleiben, sie muss gelebt werden

Parscha Bo

in Verbindung zur Yahrzeit von Rav Simcha Bunim von Peschischa sz“l

Von: Jisrael Jitzchak Rosenfeld

Diese Woche begegnen wir den Makos Arbeh, Choschech und Bechoros – dem dramatischen Höhepunkt der Geschichte des Exodus. Der Tag, auf den wir so lange gewartet haben, ist gekommen.

Nach all den Zeichen, nach all der Spannung bewegen wir uns endlich.

Es ist soweit.

Und dann – plötzlich – eine Unterbrechung.

Mitten im Höhepunkt der Befreiung erscheint eine Reihe scheinbar technischer Details:

„וְהָיָה כִּי־יִשְׁאָלְךָ בִנְךָ מָחָר“

– „Und wenn Dein Kind Dich morgen fragt …“.

Die Tora stoppt den Fluss der Erzählung und zwingt uns, innezuhalten.

Warum gerade hier?

Weil die Tora uns lehrt, dass es Momente größter Inspiration gibt.

– Momente von Offenbarung und innerem Aufbruch

– und dass genau in diesen Momenten die größte Gefahr liegt:

Deshalb werden wir gerade hier angehalten, das Erlebte in konkrete Handlung zu übersetzen, in Mitzwos,

in Praxis,

in den Alltag.

Der Tag wird kommen, an dem Dein Kind fragt

– und es war nicht dabei.

Wenn das Licht der Erlösung nicht in der Realität verankert wurde, bleibt es nur eine Geschichte.

An diesem 3. Schewas erinnern wir uns auch an die Yahrzeit von Rav Simcha Bunim von Peshischa (י״ב אלול), dessen gesamte Lehre auf genau diesem Punkt ruht:

Wahrheit darf nicht im Inneren stecken bleiben, sie muss gelebt werden.

Er lehrte:

„טוב לאדם שיהיו לו שני כיסים: בכיס אחד יהיה כתוב ‘למעני נברא העולם’, ובכיס השני ‘ואנכי עפר ואפר’.“

„Es ist gut für den Menschen, zwei Taschen zu haben:

 In der einen steht

›Um meinetwillen wurde die Welt geschaffen‹, und in der anderen

›Ich bin Staub und Asche‹._

Genau diesen Gedanken finden wir mit großer Klarheit bei Rebbe Nachman von Breslov.

In Likkutei MoHaRan lehrt er, dass spirituelles Licht nur dann Bestand hat, wenn es in Handlung umgesetzt wird.

In seiner Tora א׳ von Likkutei MoHaRan heißt es:

„העיקר הוא המעשה“

„Das Wesentliche ist die Tat.“

(ליקוטי מוהר״ן, תורה א)

Und noch schärfer formuliert er an anderer Stelle:

„אי אפשר לזכות לאור גדול, אלא על ידי כלים“

„Es ist unmöglich, großes Licht zu empfangen, ohne Gefäße.“

(ליקוטי מוהר״ן, תורה ז)

Diese „Gefäße“ sind nichts Abstraktes.

Es sind Mitzwos,

feste Zeiten,

konkrete Handlungen.

Genau deshalb wird der Auszug aus Ägypten nicht nur erzählt, sondern sofort gebunden an Tefillin,

an das Pessachopfer,

an das Erzählen,

an die Kinder.

Licht ohne Gefäß ist Choschech – Dunkelheit.

Rebbe Nachman geht noch weiter und warnt davor, sich mit innerer Ergriffenheit zufriedenzugeben.

In Sichos HaRan sagt er:

„יש בני אדם שמרגישים התעוררות גדולה, ואחר כך נופלים לגמרי, מפני שלא עשו מההתעוררות כלי למעשה“

„Es gibt Menschen, die große Erweckung spüren und danach völlig fallen, weil sie aus dieser Erweckung kein Gefäß für die Tat gemacht haben.“

(שיחות הר״ן, סימן נ״א)

Paraschas Bo ist genau diese Warnung in Tora-Form.

Und deshalb wird diese Lehre in Likkutei Tefillos in ein persönliches Gebet übersetzt.

Dort bittet Rebbe Nachman nicht um Inspiration, sondern um Beständigkeit:

„רבונו של עולם, זכני לקיים כל התעוררות והתלהבות בקיום המצוות בפועל ממש“

„Herr der Welt, lass mich jede Erweckung und jedes innere Feuer in tatsächlicher Erfüllung der Mitzwos verwirklichen.“

(ליקוטי תפילות, חלק א, תפילה ו)

Nicht fühlen – tun.

Nicht erinnern – leben.

Und weiter heißt es dort:

„שלא יהיה כל עבודתי רק בהתעוררות רגעית, אלא בעבודה קיימת ויציבה“

„Dass mein ganzer Dienst nicht nur aus momentaner Erweckung besteht, sondern aus beständiger, tragender Arbeit.“

(ליקוטי תפילות, שם)

So schließen sich die Kreise:

Paraschas Bo, Rav Simcha Bunim von Peshischa und Rebbe Nachman von Breslov sprechen eine Sprache.

Möge uns das Licht dieser Parascha helfen, aus jedem Moment der Erhebung ein Gefäß zu machen

– damit unsere Geschichte nicht nur erzählt, sondern gelebt wird.

Möge uns das gesegnet sein.

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