Jüdisch! Die Tora lernen und leben.

du wirst Mein Hinteres sehen; aber Mein Angesicht kann nicht gesehen werden

Der Vers

„Dann werde Ich Meine Hand entfernen, und du wirst Mein Hinteres sehen; aber

Mein Angesicht kann nicht gesehen werden“

(שמות ל״ג:כ״ג) Schemot 33:23

 – steht in der Paraschas Ki Tisa, der Paraschas der vergangenen Woche,

in jenem dramatischen Moment nach der Sünde des goldenen Kalbes, als Mosche Rabbeinu vor dem Ewigen steht und eine beinahe unerhörte Bitte ausspricht:

– „Lass mich doch Deine Herrlichkeit sehen“

(שמות ל״ג:י״ח).

Die Antwort, die er erhält, gehört zu den geheimnisvollsten Aussagen der Tora, und die gesamte jüdische Tradition

– vom Peschat der klassischen Kommentatoren über die Philosophie bis zur Kabbalah und zur chassidischen Deutung

– sieht darin eine grundlegende Aussage über die Grenzen menschlicher Erkenntnis HaSchems.

Der erste Zugang findet sich im Kommentar von Raschi sz“l, der die Worte der Tora auf überraschend konkrete Weise erklärt.

Zu

schreibt er:

(Raschi zu שמות ל״ג:כ״ג)

„Er zeigte ihm den Knoten der Tefillin.“

Raschi sz“l versteht den Vers nicht als Beschreibung einer körperlichen Gestalt HaSchems

– etwas, das im jüdischen Denken undenkbar wäre –, sondern als prophetisches Bild.

Mosche wird eine symbolische Vision gezeigt:

Nicht das „Angesicht“, das Wesen des Schöpfers selbst, sondern eine Spur der g“ttlichen Beziehung zur Welt.

Die Tefillin sind im rabbinischen Denken ein Zeichen des Bundes zwischen HaSchem und den Bnei Jisrael.

Der „Knoten“ steht für die Verbindung

– eine Andeutung der g“ttlichen Gegenwart, nicht ihre Essenz.

Einen philosophisch präziseren Zugang formuliert Maimonides in seinem Werk Führer der Unschlüssige,

 More Newuchim

(I; 37–38).

Er erklärt, dass die Begriffe „Gesicht“ und „Rücken“ metaphysische Kategorien darstellen:

„Das ‚Angesicht‘ bezeichnet das Wesen einer Sache;

Das ‚Hintere‘ sind ihre Wirkungen.“

Nach dieser Deutung bedeutet der Vers:

Der Mensch kann die vollständige Essenz von HaSchem niemals erkennen, wohl aber seine Wirkungen in der Welt.

Die Schöpfung, die Geschichte, das moralische Gefüge der Welt

– all das sind Spuren der g“ttlichen Handlung.

Mosche erhält somit die höchste mögliche Erkenntnis eines Menschen:

Das Verständnis der g“ttlichen Wege, nicht aber der g“ttlichen Essenz.

Eine Brücke zwischen Peschat und Mystik schlägt Nachmanides.

In seinem Kommentar zu dieser Stelle schreibt er:

„Das ‚Hintere‘ bedeutet: Erkenntnis dessen, was bereits geschehen ist, aber nicht dessen, was kommen wird.“

Der Mensch erkennt die g“ttliche Führung nicht im Voraus.

Erst im Rückblick wird sichtbar, wie Ereignisse zusammenhängen.

Der Ramban sz“l deutet den Vers daher auch historisch:

Mosche Rabbeinu darf die g“ttliche Führung Jisraels verstehen

aber nur rückblickend.

Diese Idee wird in der Kabbala noch vertieft.

Der Zohar, als eines der Standardwerke der Kabbalah, formuliert eine grundlegende mystische Aussage:

„Kein Gedanke kann Ihn überhaupt erfassen.“

Und im Zusammenhang unseres Verses erklärt der Zohar, dass

„פנים“

 die unmittelbare g“ttliche Offenbarung darstellt, während

„אחוריים“

 eine indirekte Ausstrahlung ist

– ein Licht, das erst nach dem Vorübergehen erkannt wird.

Das g“ttliche Licht selbst bleibt verborgen; nur seine Spur wird wahrgenommen.

Diese Idee wird in der Lurianischen Kabbala des heiligen ARIzal, überliefert durch Chaim Vital, systematisch erklärt.

In seinem Werk Etz Chaim wird zwischen zwei Formen der g“ttlichen Ausstrahlung unterschieden:

פנים

 (Panim)

– direkte Offenbarung des g“ttlichen Lichts

אחוריים

 *(Achorayim)*

– eine zurückgenommene, indirekte Ausstrahlung

„Die Rückseite ist ein eingeschränktes Licht, das die Welt überhaupt empfangen kann.“

Hier tritt ein zentraler Begriff der Kabbalah hervor:

Tzimtzum, die Selbstverhüllung des Schöpfers.

Würde das g“ttliche Licht unmittelbar erscheinen

– פנים –

 könnte keine geschaffene Realität bestehen.

Deshalb erscheint es in einer indirekten Form

– אחוריים.

In der Sprache der Sefiros wird dieser Vers besonders tief verstanden.

Die oberen Sefiros

– Keser, Chochmah und Binah –

 repräsentieren Ebenen g“ttlicher Erkenntnis, die für den Menschen kaum zugänglich sind.

Mosche, der höchste aller unserer Propheten, konnte eine Offenbarung bis zur Ebene von Chochmah erfahren, doch das absolute g“ttliche „Gesicht“, das in Keser (Krone)  verborgen ist, blieb auch ihm unerreichbar.

Die „Rückseite“ entspricht dem Weg, auf dem das g“ttliche Licht durch die Sefiros ,

die g“ttlichen Kanäle, hinabfließt

– von Chochmah über Binah und Da’as zu den emotionalen Sefiros Chesed, Gevurah, Tiferes, Netzach, Hod und Yesod, bis es schließlich in Malchus, dem Königtum in unserer Welt, ganz real sichtbar wird, der Welt der Manifestation.

Der Mensch erkennt HaKadosch Baruch Hu daher nicht in der Quelle des Lichts, sondern dort, wo dieses Licht die Welt formt.

Diese Idee wird auch vom Mekubal Rav Mosche Chaim Luzzatto sz“l in Da’as Tevunos aufgenommen:

„Der Mensch versteht die Führung HaSchems erst nach dem Geschehen.“

Die chassidische Tradition griff diesen Gedanken mit großer innerer Tiefe auf.

Besonders im  Breslover Chassidus von Nachman of Breslov sz“l erscheint der Vers als Schlüssel zur Erfahrung des Glaubens.

Rabbeinu Nachman von Breslov sz“l lehrt in seinem Hauptwerk, in Likkutei MoHaRan, dass der Mensch HaSchems Führung während der Prüfung nicht verstehen kann.

Erst nachdem die Situation vorüber ist, erkennt er die g“ttliche Absicht.

Sein  treuer Schüler *Reb Nosson von Breslov sz“l* formuliert es so:

„Das ‚Hintere‘ bedeutet Glauben innerhalb der Verborgenheit.“

Gerade die Erfahrung der Verborgenheit führt den Menschen zu einer tieferen Emunah.

Denn wenn das g“ttliche Gesicht sichtbar wäre, gäbe es keinen Raum für Glauben.

Ähnliche Gedanken finden sich bei den chassidischen Meistern.

HaRavYitzchak Meir Alter sz“l, der Chidushei HaRim, erklärte, dass ein Mensch oft erst im Rückblick erkennt, dass jeder Schritt seines Lebens geführt war.

Sein Enkel HaRavYehudah Aryeh Leib Alter, der Sfas Emes sz“l, schrieb

(Ki Tisa 5641):

„Der Mensch sieht nur die Rückseite – und gerade daraus entsteht der Glaube.“

Auch in der chassidischen Lehre von ChaBaD wird dieser Vers mit der Struktur der Sefiros verbunden.

 „פנים“

Gesicht

bezeichnet dort die unmittelbare g“ttliche Erkenntnis, während

„אחוריים“

Hinteren

 die Offenbarung durch die Welt der Mitzwos und der Geschichte darstellt.

Der Mensch begegnet dem g“ttlichen Licht nicht direkt,

sondern vielmehr durch die Kanäle der Tora und der g“ttlichen Gebote.

So wird der Vers zu einer spirituellen Metapher für das menschliche Leben selbst.

Während man mitten im Weg steht, erscheint vieles unverständlich.

Ereignisse wirken oftmals zufällig,

manchmal sogar eher widersprüchlich.

Doch im Rückblick

– wenn der Weg bereits gegangen ist –

wird sichtbar, wie die einzelnen Schritte zusammenpassen.

In diesem Sinn ist

 nicht nur eine Aussage über Mosche Rabbeinu, sondern über *jeden Menschen*.

Das g“ttliche Gesicht bleibt verborgen.

Doch die Spuren HaSchems – Seine „Rückseite“ –

sind überall dort zu sehen, wo der Mensch im Nachhinein erkennt, dass sein Weg geführt war.

Oder, wie es ein alter chassidischer Spruch ausdrückt:

Wenn der Mensch nach vorne blickt, versteht er nicht.

Wenn er zurückblickt, beginnt er zu erkennen.

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