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Zur Frage: „Sind Frauen verpflichtet Birkos HaTorah zu sagen?“

Die Frage, ob Frauen die Berachot auf das Toralernen sprechen sollen, hängt mit einer grundlegenden halachischen Diskussion zusammen.

Im Talmud Bavli, im Traktat Kidduschin 29b, wird festgehalten, dass Frauen von der klassischen Mitzwa des Talmud-Tora befreit sind. 

Das bedeutet, dass die formale Verpflichtung zum regelmäßigen und umfassenden Torastudium in erster Linie Männern auferlegt ist. 

Daraus ergibt sich eine Schwierigkeit:

Die Beracha vor dem Toralernen enthält die Formulierung 

„…der uns geheiligt hat durch seine Gebote und uns befohlen hat, uns mit den Worten der Tora zu beschäftigen“.

Wenn Frauen zu dieser Mitzwa nicht verpflichtet sind, stellt sich die Frage, wie sie eine Beracha sprechen können, die von einem g“ttlichen Befehl spricht.

Einige Poskim haben tatsächlich argumentiert, dass Frauen diese Beracha nicht sprechen sollten. Diese Richtung wird häufig mit der halachischen Herangehensweise vom Maimonides verbunden.

Nach diesem Ansatz sagt man grundsätzlich keine Beracha über eine Mitzwa, zu der man nicht verpflichtet ist.

Wenn das Toralernen für Frauen keine verpflichtende Mitzwa ist, wäre es problematisch, eine Beracha zu sprechen, die ausdrücklich einen göttlichen Auftrag erwähnt.

Die verbreitete Praxis folgt jedoch einer anderen Linie der Halacha. 

Viele Gelehrte betonen, dass Frauen durchaus verpflichtet sind, bestimmte Teile der Tora zu lernen, nämlich alles, was sie für ihr religiöses Leben wissen müssen. 

Dazu gehören die Halachos, die sie betreffen, Grundlagen des Glaubens, ethische Lehren und Teile des Tanach. 

Um diese Dinge zu kennen, müssen sie notwendigerweise Tora lernen. 

Deshalb erklären Autoritäten wie Joseph ben Ephraim Karo im Schulchan Aruch und später besonders Yisrael Meir Kagan im Werk Mischna Berurah, dass dieses notwendige Lernen selbst eine Form der Mitzwa des Toralernens darstellt.

Aus diesem Grund können Frauen die Berachot auf das Toralernen ganz regulär sprechen.

Der Chafetz Chaim hebt zudem einen praktischen Gesichtspunkt hervor. Ohne Lernen könnten viele grundlegende Halachos gar nicht bekannt sein. 

Während religiöses Wissen früher oft über das familiäre Umfeld weitergegeben wurde, wurde es in der modernen Zeit immer wichtiger, dass Frauen selbst Zugang zu systematischem religiösem Lernen erhalten. 

Diese Einsicht spielte auch eine Rolle bei der Entwicklung religiöser Bildungsbewegungen für Mädchen, etwa bei der Gründung der Bewegung Bais Ya’akov durch Sarah Schenirer.

Eine Nebenfrage betrifft das Lesen von Tehillim.

Das Sefer Tehilim gehört zum Tanach und ist daher Teil der Tora. 

Gleichzeitig wird Tehillim sehr häufig als Gebet gesprochen, etwa in Zeiten von Krankheit, Not oder persönlicher Bitte. 

Dadurch hat es eine gewisse Doppelstellung:

Einerseits ist es Tora und kann als Toralernen gelten, andererseits wird es als Tefillah verwendet.

Wenn man Tehillim als Teil des Tanach studiert oder liest, gilt es klar als Toralernen und steht im Zusammenhang mit den Berachos auf das Toralernen. 

Wenn es dagegen ausschließlich als persönliches Gebet gesprochen wird, sehen einige Poskim darin eher eine Form der Tefillah. 

In der Praxis wird Tehillim jedoch oft als beides verstanden.

Daher ergibt sich in der heutigen halachischen Praxis meist ein klares Bild: 

Obwohl Frauen von der umfassenden Verpflichtung zum Toralernen befreit sind, sprechen sie dennoch die Berachot auf das Toralernen.

Die Begründung liegt darin, dass sie verpflichtet sind, diejenigen Teile der Tora zu lernen, die für ihr religiöses Leben notwendig sind, und dieses Lernen als echte Teilnahme an der Mitzwa des Torastudiums verstanden wird.

Ein interessanter gedanklicher „Nachsatz“ in der Diskussion betrifft die Frage nach dem spirituellen Lohn für Toralernen, wenn jemand nicht verpflichtet ist. 

Hier greifen viele Poskim eine bekannte talmudische Stelle auf. 

Im Talmud Bavli im Traktat Berachos 17a fragt die Gemara:

 „Wodurch verdienen Frauen ihren Anteil an der Welt der Tora?“

Die Antwort lautet dort, dass sie ihre Kinder zum Lernen schicken, ihre Männer unterstützen und auf sie warten, wenn sie im Beis Midrasch lernen. 

Die Aussage zeigt, dass Frauen einen Anteil am Verdienst der Tora haben, auch wenn die formale Verpflichtung des kontinuierlichen Torastudiums bei Männern liegt.

Spätere Gelehrte haben diesen Gedanken weiterentwickelt. 

Einige erklären, dass eine Handlung, die freiwillig und nicht aus Verpflichtung geschieht, eine besondere Qualität haben kann. 

Wenn jemand eine Mitzwa erfüllt, weil er dazu verpflichtet ist, erfüllt er eine Pflicht. 

Wenn jemand sie ohne Verpflichtung tut, kann darin ein Element zusätzlicher Hingabe liegen. 

Diese Idee wird oft im Zusammenhang mit der talmudischen Diskussion formuliert, dass 

„größer ist der, der geboten ist und handelt, als der, der nicht geboten ist und handelt“.

Dennoch bedeutet das nicht, dass freiwilliges Handeln geringgeschätzt wird 

– im Gegenteil, es wird als Ausdruck innerer Motivation gesehen.

Auf das Lernen der Tora übertragen bedeutet das: 

Wenn Frauen Tora lernen 

– etwa Tanach, Halacha, Mussar oder andere für sie relevante Teile

– geschieht dies nicht primär aufgrund der allgemeinen Pflicht des Talmud-Tora-Gebots, sondern aus dem Wunsch heraus, die Tora zu verstehen und ein religiöses Leben danach zu führen.

Manche Poskim sehen gerade darin eine besondere spirituelle Qualität. 

Das Lernen wird zu einem bewussten Akt der Annäherung an die Tora und nicht nur zur Erfüllung einer formalen Pflicht.

In diesem Licht wird auch verständlich, warum viele Autoritäten betonen, dass Frauen selbstverständlich die Berachos auf das Toralernen sprechen können. 

Denn sie nehmen tatsächlich am Lernen teil, benötigen dieses Wissen für ihr religiöses Leben und tun es oft mit einer sehr bewussten inneren Motivation. 

Dadurch verbindet sich die halachische Begründung 

– dass auch Frauen bestimmte Teile der Tora lernen müssen – mit einem spirituellen Gedanken: 

Das Lernen wird nicht nur als Pflicht, sondern als freiwillige und persönliche Hinwendung zur Tora verstanden.

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