Jüdisch! Die Tora lernen und leben.

Erlösung aus der Enge: ChaBaD, Breslov und Aschlag im inneren Dialog

Von: J.J. Rosenfeld

Paraschas Wa’era setzt genau dort an, wo Hoffnung kaum noch greifbar scheint.

Mosche Rabbeinu steht vor einem Volk, das unter harter Knechtschaft leidet, und HaSchem kündigt dennoch den Beginn der Erlösung an mit den Worten:

„Ich werde euch herausführen aus den Lasten Ägyptens.“ (Schemos 6,6 Paraschas Wa’era)

Die Tora spricht hier nicht nur von physischer Befreiung, sondern von einem Herausführen aus innerer Bedrängnis.

Mitzrajim ist der Ort der Enge, der Zustand, in dem der Mensch die g“ttliche Gegenwart nicht wahrnehmen kann. In dieser Zeit fällt auch die Jahrzeit von Rabbiner Schneur Salman von Liadi, dem Baal HaTanja, dem Alter Rebbe und Begründer der Chabad-Chassidus, dessen Lehre sich ganz der inneren Dimension dieser Befreiung widmet.

Im Tanya lehrt der Baal HaTanya, dass Erlösung vor allem eine Frage des Bewusstseins ist.

Die g“ttliche Nähe ist nie abwesend, sie wird lediglich verdeckt durch geistige Enge und fehlende innere Wahrnehmung.

So schreibt er:

„Denn siehe, HaSchem steht über ihm, und die ganze Erde ist erfüllt von Seiner Herrlichkeit.“ (Tanya, Likkutei Amarim, Kapitel 33)

Der entscheidende Schlüssel liegt nach ChaBaD im Daas (Wissen), im bewussten inneren Erfassen dieser Wahrheit.

Der Baal HaTanya formuliert es klar:

„Das Wesentliche ist das Bewusstsein.“ (Tanya, Likkutei Amarim, Kapitel 3)

So wird Wa’era zum Anfang einer inneren Offenbarung:

Die Plagen sind nicht nur Machtdemonstrationen, sondern Etappen, in denen sich die g“ttliche Wirklichkeit Schritt für Schritt offenbart

– im Denken, im Herzen und schließlich im Handeln.

Der Breslover Chassidus, begründet von Rabbi Nachman von Breslov, setzt einen anderen Akzent.

Während ChaBaD den Weg der Erkenntnis betont, rückt Breslov die lebendige Beziehung zwischen Mensch und HaSchem in den Mittelpunkt.

Rav Nachman beschreibt die menschliche Existenz als einen Zustand ständiger Unsicherheit und formuliert dennoch eine radikale Hoffnung:

„Die ganze Welt ist eine sehr schmale Brücke, und das Wichtigste ist, sich überhaupt nicht zu fürchten.“ (Likutei MoHaRan II, 48).

Für Breslov beginnt Erlösung dort, wo der Mensch trotz Angst und Dunkelheit den Dialog mit HaSchem nicht abbricht.

Das zentrale Werkzeug ist das Gebet, insbesondere das persönliche Gespräch, Hisbodedus.

Rabbeinu Nachman sagt:

„Das Gebet ist das Tor zu allem Guten.“ (Likkutei MoHaRan I, 9)

Im Licht von Wa’era bedeutet dies:

Auch wenn Mosche Rabbeinus Worte scheinbar scheitern und Pharao die Lasten verschärft, ist gerade das Rufen zu HaSchem selbst bereits ein Akt der Erlösung.

Der Aschlag Chassidus, begründet von Rav Yehuda Aschlag, dem Baal HaSulam, betrachtet den Auszug aus Ägypten aus einer kabbalistischen Perspektive der inneren Korrektur.

Für ihn ist das Exil vor allem eine Gefangenschaft des egoistischen Willens.

Er schreibt:

–„Das Wesen des Exils ist die Knechtschaft des Willens, für sich selbst zu empfangen.“ (Baal HaSulam, Einleitung zum Sohar, Abschnitt 19)

Erlösung ist demnach keine Ortsveränderung, sondern eine innere Transformation.

Der Mensch nähert sich dem Schöpfer durch die Angleichung seiner inneren Haltung: 

„Erlösung ist die Angleichung der Form an den Schöpfer.“ (Baal HaSchulam, Matan Tora, Abschnitt 6)

So verbindet Paraschat Wa’era all diese Wege zu einer gemeinsamen Botschaft.

ChaBaD zeigt den Weg der Erkenntnis,

Breslov den Weg des Gebets,

Rav Aschlag den Weg der inneren Korrektur des Willens.

Alle drei lehren, dass Mitzrajim (Ägypten) nicht nur ein historischer Ort ist, sondern ein innerer Zustand

– und dass die Erlösung genau dort beginnt, wo der Mensch bereit ist, diese Enge zu durchbrechen.

Möge das Lernen aus Wa’era und das Andenken an den Baal HaTanya uns helfen, unsere eigene innere Enge zu verlassen und Raum zu schaffen für die Offenbarung der göttlichen Gegenwart

– bis zur vollständigen Erlösung, bald in unseren Tagen.

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