Jüdisch! Die Tora lernen und leben.

Gerade im Dunkel liegt der Beginn der Erlösung

Von: J.J. Rosenfeld

Paraschas Wa’era ist die Parascha der verborgenen Offenbarung. 

Nicht der plötzliche Durchbruch steht im Mittelpunkt, sondern der Prozess, durch den der Mensch lernt, dass gerade im Dunkel der Beginn der Erlösung liegt. 

– „Ich erschien Abraham, Jitzchak und Ya’akov als El Schaddai, aber mit Meinem Namen HaSchem habe Ich Mich ihnen nicht bekannt gemacht“ (Schemos 6,3). 

Die Erzväter lebten in tiefer Emuna, doch die Generation des Exodus musste lernen, dass der Name ה׳ 

– der Name der Barmherzigkeit und der unmittelbaren Gegenwart 

– sich gerade dort offenbart, wo der Mensch keinen Halt mehr in sich selbst findet.

Rabbi Nachman von Breslov lehrt, dass wahre Gotteserkenntnis nicht aus intellektuellem Wissen entsteht, sondern aus existenzieller Verbindung. 

In Likkutei MoHaRan steht geschrieben: 

– „Denn Daas ist die Verbindung der Seele mit ihrer Wurzel“ (LM I, 6). 

Ägypten ist in diesem Sinne nicht nur ein geografischer Ort, sondern ein innerer Zustand der Verengung, Mitzrajim, in dem der Mensch von seiner Quelle abgeschnitten scheint. 

Der Pharao verkörpert das Bewusstsein des getrennten Ichs, das sagt: 

– „Der Nil ist mein, ich habe mich selbst gemacht“ (Jecheskel 29,3). 

Die Plagen sind daher keine bloßen Strafen, sondern Schritte der Entlarvung dieser Illusion.

In Likkutei Tefilos betet Rabbi Nachman: 

– „Rette uns aus allen Verhüllungen und offenbare Deinen heiligen Namen in unserem Inneren“ (LT I, 6). 

Wa’era lehrt, dass die Offenbarung des Namens ה׳ nicht von außen kommt, sondern im Inneren des gebrochenen Herzens geschieht.

Der 23. Tewes trägt in diesem Zusammenhang eine besondere Tiefe. Die Gematria der Zahl 23 entspricht dem Wort חַי (Chai – Leben): ח = 8, י = 10, zusammen mit der inneren Erweiterung (כולל) ergibt sich 23.

Chassidisch betrachtet verweist dies darauf, dass wahres Leben nicht im Offensichtlichen liegt, sondern gerade dort beginnt, wo der Mensch bereit ist, seine eigene Begrenztheit zu überschreiten. 

Zudem setzt sich 23 aus כ״ב + א׳ zusammen – den 22 Buchstaben der hebräischen Sprache plus Alef, das für den *Aluf shel Olam*, den Meister der Welt, steht. *Das bedeutet:* 

Die 22 Buchstaben 

– alle Formen menschlichen Ausdrucks 

– erhalten erst durch das Alef, durch die g“ttliche Gegenwart, ihr inneres Leben.

So steht der 23. Tewes für den Moment, in dem nach der vollständigen Dunkelheit die g“ttliche Lebenskraft beginnt, sich wieder in die Welt einzuschreiben. 

Es ist das verborgene Chai, das noch nicht sichtbar ist, aber bereits pulsiert. Genau das ist der innere Zustand Am Jisraels in Paraschas Wa’era: 

Noch in Ägypten, noch unter der Last der Knechtschaft, und doch beginnt bereits die Offenbarung des Lebens.

In der Aschlag-Chassidus erklärt Baal HaSulam, dass Offenbarung nur dort geschieht, wo entsprechende Gefäße vorhanden sind: 

– „Der Name HaSchems offenbart sich nur in Gefäßen des Gebens“ (Hakdama leSefer HaSohar, §68).

Die Zahl 23 weist somit auf das lebendige Gefäß hin – auf ein Herz, das bereit ist, über sich selbst hinauszugehen und Leben weiterzugeben.

In diese Zeit fallen auch die Jahrzeiten großer Tzaddikim, deren Lehren diesen Gedanken widerspiegeln. 

Rav Yaakov HaKohen Paprusch, Av Beis Din von Frankfurt und Autor des Schev Yaakov z“l, lehrte: 

 – „Gericht offenbart sich nur, um zu korrigieren“. 

Auch hier zeigt sich Chai im Verborgenen: 

Selbst im 

דין (Din, Gericht)

 liegt bereits Leben. 

Rav Yehuda Aryeh Leib Epstein z“l betonte, dass jede innere Enge dazu dient, Raum für größere göttliche Nähe zu schaffen.

Der Otzerhover Rebbe, Reb Leibusch z“l, sah im Exil den Ort der stillen Lebenskraft, die nicht laut wird, aber niemals aufhört zu wirken. 

Und Rav Elazar Mordechai Koenig z“l lehrte in der Tradition von Breslov: 

– „Verzweiflung existiert überhaupt nicht“, denn selbst im tiefsten Verborgenen wirkt bereits das Chai der Erlösung.

So wird Paraschas Wa’era, verbunden mit dem 23. Tewes, zu einer Lehre vom verborgenen Leben: 

Gerade dort, wo der Mensch nur Begrenzung sieht, beginnt die Bewegung des Lebens. 

Die Zahl 23 erinnert daran, dass nach allen Buchstaben, nach allen Wegen und Brüchen, das Alef 

– die g“ttliche Einheit 

– neues Leben in alles einhaucht.

Cookies Notice

Our website uses cookies. If you continue to use this site we will assume that you are happy with this.