Paraschas Wa’era offenbart nach der Lehre von Likkutei MoHaRan und Likkutei Tefilos, dass der eigentliche Kampf der Erlösung nicht in Ägypten, sondern im Inneren des Menschen stattfindet. Mosche kommt mit dem Wort HaSchems, doch Israel kann ihn nicht hören – wegen Kurzatmigkeit und harter Arbeit.
Rebbe Nachman erklärt, dass dies der Zustand ist, in dem die Sprache des Glaubens blockiert ist. Wenn der Atem eng wird, wird auch das Gebet eng, denn Sprache und Atem sind eins.
Genau hier beginnt jedoch die wahre Avoda: Aus der Sprachlosigkeit heraus trotzdem an Haschem festzuhalten.
In Likkutei MoHaRan lehrt Rebbe Nachman, dass jede Erlösung durch den Tzaddik HaDor kommt, der die Sprache des Glaubens erneuert. Mosche Rabbeinu ist dieser Tzaddik, doch seine Worte können erst wirken, wenn das Volk durch innere Erschütterung vorbereitet wird.
Deshalb verschärft sich die Arbeit zunächst.
Das ist kein Rückschritt, sondern der tiefste Punkt vor dem Aufstieg.
Rebbe Nachman erklärt, dass, wenn der Mensch kurz vor einer großen Erhebung steht, die Gegenseite ihre letzte Kraft sammelt. Wa’era beschreibt genau diesen Moment.
Die Plagen sind nach Breslov keine Strafen, sondern Klärungen der Sprache.
Der Pharao steht für das blockierende Reden, für die Stimme, die den Menschen von HaSchem trennt.
Jede Plage bricht ein weiteres falsches Wort, eine weitere innere Lüge.
Erst wenn diese Stimmen zerbrechen, kann das wahre Gebet wieder entstehen.
In Likkutei MoHaRan wird erklärt, dass das Gebet dann am stärksten ist, wenn es aus Wahrheit kommt, selbst wenn es ohne Worte ist.
Likkutei Tefilos gibt diesem Zustand eine Stimme. Dort wird HaSchem immer wieder angefleht, den Menschen aus der inneren Taubheit zu befreien, aus der Unfähigkeit zu fühlen und zu sprechen.
Wa’era ist genau diese Tefila in Handlung: HaSchem beginnt zu handeln, obwohl Israel noch nicht beten kann.
Rebbe Nachman lehrt, dass es Zeiten gibt, in denen HaSchem selbst für den Menschen betet, indem Er ihn durch Prozesse führt, die sein Herz wieder öffnen.
Im Licht der Yahrzeit von Rav Yechiel Michel Michlowitz, dem Admor von Zitchov-Netanja, wird Wa’era zu einer Lehre der stillen Treue. Auch wenn der Mensch keine Hitlahavus spürt, auch wenn das Herz trocken ist, zählt jede kleine Bewegung in Richtung HaSchem.
Reb Mechele lehrte, dass gerade das Durchhalten ohne Gefühl ein besonders reiner Dienst ist.
Dies entspricht der Lehre Rebbe Nachmans, dass die größte Prüfung der Glaube im Zustand der Verborgenheit ist.
Der Shotzer Rebbe, Rav Scholem Moschkowitz, auch bekannt unter Daas Scholom, dessen Yahrzeit sich heute sich ebenfalls jährt, verband Daas mit innerer Ehrlichkeit.
In Wa’era sehen wir, dass Wissen allein nicht befreit. Mosche Rabbeinu kennt den Auftrag, doch das Volk ist innerlich zerbrochen.
Likkutei MoHaRan erklärt, dass wahres Daas (Wissen) erst entsteht, wenn der Mensch seine eigene Ohnmacht anerkennt. Die Plagen brechen Pharaos falsches Daas (Wissen) und bereiten Raum für eine neue, heilige Erkenntnis.
Rav Schmuel Heller von Tzfas, dessen Yahrzeit ebenfalls heute ist, sah in der Breslover Lehre eine praktische Anleitung für den Alltag des Golus.
Wa’era zeigt, dass HaSchem dem Menschen nicht erst dann begegnet, wenn er vollständig ist, sondern gerade im Bruch.
Likkutei Tefilos gibt diesem Bruch Worte: Das Bitten, trotz innerer Leere nicht aufzugeben, das Verlangen, wenigstens zu wollen.
Rebbe Nachman lehrt, dass dieses Verlangen selbst schon Erlösung ist.
So wird Paraschas Wa’era im Licht von Likkutei MoHaRan und Likkutei Tefilos zu einer
Parascha des Atems, der Sprache und des Gebets.
Sie lehrt, dass selbst Kurzatmigkeit vor HaSchem zählt, dass jedes Seufzen gehört wird und dass aus der tiefsten Enge die größte Nähe entstehen kann.
Die Erlösung beginnt nicht mit dem Auszug aus Ägypten, sondern mit dem ersten wahren Seufzer, der aus der Tiefe zu HaSchem aufsteigt.
