Von: Jisrael Jitzchak Rosenfeld
Pessach, auch Chag HaPesach genannt, symbolisiert die Dimension des Glaubens (Emunah), also die Fähigkeit des Menschen, mit HaSchem zu leben und seine Gegenwart im Leben zu erkennen.
In der Welt der Sefiros wird Pessach dem Attribut Chesed zugeordnet, das für Güte und Barmherzigkeit steht. Der Name Pessach stammt vom hebräischen Wort Pasach, was bedeutet, dass HaSchem über die Häuser der Israeliten „hinwegsprang“.
In der traditionellen Erzählung wird berichtet, dass viele Juden damals nicht ausschließlich im Gebiet Goschen lebten, sondern teilweise in die ägyptische Gesellschaft integriert waren.
Trotz dieser unvollkommenen Realität ging HaSchem an ihren Häusern vorüber, nachdem sie ihre Türpfosten mit dem Blut des Pessach-Opfers markiert hatten.
Dieses Markieren der Türpfosten war nicht nur ein Schutzzeichen, sondern auch ein öffentliches Bekenntnis zur jüdischen Identität.
Bis heute erinnert die Mesusa an den Türpfosten jüdischer Häuser an diese Idee:
Sie zeigt, dass dort eine jüdische Familie lebt und sich offen zu ihrer Tradition bekennt. Gerade in Zeiten zunehmenden Antisemitismus kann es Mut erfordern, offen als Jude zu leben.
Die Geschichte von Pessach lehrt daher auch den Mut, sichtbar zu seiner Identität zu stehen.
Die tiefere Bedeutung von Pessach liegt jedoch nicht nur darin, dass die Häuser verschont wurden, sondern auch darin, dass HaSchem über gewisse Fehler und Unvollkommenheiten der Menschen hinwegsah.
HaSchem betrachtete das große Ganze und konzentrierte sich nicht ausschließlich auf die Schwächen des Einzelnen.
Daraus ergibt sich eine wichtige spirituelle Lehre:
Auch wir sollen lernen, über Unvollkommenheiten hinwegzusehen.
Freiheit bedeutet nicht nur politische oder körperliche Befreiung, sondern auch die innere Fähigkeit, sich nicht an jedem kleinen Problem oder Fehler festzubeißen.
Glaube (Emunah) bedeutet daher nicht, die Realität zu ignorieren, sondern den Blick zu weiten und das größere Ganze zu erkennen.
Wenn man sich ausschließlich auf einzelne Details konzentriert, verliert man leicht den Blick für das umfassende Bild der Wirklichkeit.
Pessach erinnert uns daran, HaSchem als den Schöpfer des gesamten Seins zu sehen.
Ein wichtiger Bestandteil des Sederabends sind die vier Becher Wein, die vier verschiedene Dimensionen der Erlösung symbolisieren. Sie entsprechen den vier biblischen Ausdrücken der Befreiung:
VeHotzeiti
– „Ich habe euch herausgeführt“,
VeHitzalti
– „Ich habe euch gerettet“,
VeGa’alti
– „Ich habe euch erlöst“, und
VeLakachti
– „Ich habe euch zu Mir genommen“.
Diese vier Stufen stehen für unterschiedliche Weisen, wie ein Mensch die Gegenwart von HaSchem im eigenen Leben erfahren kann. Gleichzeitig entsprechen die vier Becher auch den vier Buchstaben des g“ttlichen Namens
– Jud, He, Waw und He –,
die symbolisieren, wie sich die g“ttliche Existenz in der Wirklichkeit entfaltet.
Der Wein selbst trägt eine tiefe symbolische Bedeutung. Während Trauben beim Zerdrücken sofort zu Saft werden, braucht Wein Zeit, um zu reifen. Er muss gären und sich verwandeln. Auf ähnliche Weise entwickelt sich auch der Glaube im Laufe der Zeit.
Emunah entsteht nicht sofort, sondern wächst durch Geduld, Erfahrung und innere Entwicklung.
Der Talmud lehrt, dass, wenn Wein in den Menschen hineinströmt, Geheimnisse ans Licht kommen.
Wein kann verborgene Ebenen im Inneren eines Menschen offenbaren.
In ähnlicher Weise enthüllt der Glaube den verborgenen Sinn des Lebens.
Die Geschichte des Exodus zeigt außerdem, dass letztlich jedes Ereignis durch den Willen von HaSchem geschieht.
Der Unterschied zwischen dem, was wir als Wunder bezeichnen, und dem, was wir Natur nennen, liegt oft nur in der Häufigkeit, mit der etwas geschieht.
Weil die Sonne jeden Tag aufgeht, nehmen wir dieses Ereignis nicht mehr als Wunder wahr. Weil Kinder regelmäßig geboren werden, vergessen wir leicht, wie außergewöhnlich das Wunder des Lebens ist.
Die Befreiung aus Ägypten ruft uns diese Wahrheit wieder ins Bewusstsein und zeigt, dass letztlich alles von einem tieferen Sinn und einer g“ttlichen Ordnung durchdrungen ist.
Der Weg der Erlösung selbst braucht Zeit.
Die Israeliten verließen Ägypten in einer einzigen Nacht, doch es dauerte vierzig Jahre, bis sie auch innerlich Ägypten hinter sich gelassen hatten.
Dieser Prozess zeigt, dass äußere Freiheit schneller erreicht werden kann als innere Transformation.
Auch der Übergang von Purim zu Pessach symbolisiert diesen Weg
– vom Chaos zur Ordnung und vom Nichtwissen zum Wissen.
In der Haggada begegnen wir den vier Söhnen: dem Weisen, dem Rebellischen, dem Einfältigen und demjenigen, der nicht fragen kann.
Sie stehen für die Vielfalt menschlicher Persönlichkeiten und Erfahrungen.
Die Botschaft ist, dass die Gegenwart von HaSchem in jedem von ihnen zu finden ist.
Der Seder lehrt daher Geduld, Verständnis und Mitgefühl für jede Seele und jede Form menschlicher Suche.
Der Eröffnungssatz des Maggid – Baruch HaMakom
– betont, dass HaSchem den gesamten Raum erfüllt.
Die Offenbarung des Exodus war in dieser Hinsicht revolutionär.
In der antiken Welt glaubten viele Menschen an verschiedene voneinander getrennte Naturkräfte.
Die Erfahrung des Exodus offenbarte jedoch, dass alle Kräfte der Natur letztlich zu einem einzigen Ursprung gehören.
HaSchem durchdringt die gesamte Existenz.
Dabei ist die Welt nicht der Ort, der HaSchem enthält. Vielmehr existiert die Welt innerhalb von HaSchem.
Wenn ein Mensch diese Erkenntnis verinnerlicht, kann er mit Vertrauen und ohne Angst in die Zukunft gehen.
Wo immer ein Mensch hingeht, ist HaSchem bereits dort.
Der höchste Ausdruck des Glaubens an Pessach besteht daher in der Erkenntnis, dass HaSchem nicht nur über der Welt steht, sondern die Existenz selbst trägt und durchdringt.
