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Über den Bergriff Chutzpa

Der Begriff Chutzpah (חֻצְפָּה, auch im Deutschen „Chutzpe“) stammt aus dem Hebräischen und bedeutet ursprünglich

  • Frechheit,
  • Dreistigkeit oder
  • respektlose Kühnheit.

In der klassischen jüdischen Literatur wird der Begriff fast immer negativ verstanden, nämlich als eine Haltung der Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten,

religiösen Normen oder HaSchem (G’tt) selbst.

Erst in der neueren Umgangssprache, insbesondere im Jiddischen und später auch im Deutschen oder Englischen, bekam das Wort teilweise eine positivere Bedeutung im Sinne von mutiger Unerschrockenheit.

Bereits in der rabbinischen Literatur wird Chutzpah als Zeichen moralischen Niedergangs beschrieben.

In der Mischna Traktat Sotah (Ende des Traktats) findet sich eine bekannte eschatologische Beschreibung der letzten Generation vor der Erlösung.

Dort heißt es im hebräischen Original:

בעקבות משיחא חוצפא יסגא

be’iqvot mashicha chutzpah yisge

Übersetzt bedeutet das:

„In den Fußspuren des Messias wird die Chutzpah zunehmen.“

Die Mischna beschreibt damit eine Zeit,

in den traditionellen Hierarchien zerfallen und der Respekt vor Autoritäten verloren geht.

Chutzpah wird hier als gesellschaftliches Symptom moralischer Unordnung verstanden.

In der halachischen Gesetzesliteratur wird dieses Prinzip weiter ausgearbeitet.

Der Schulchan Aruch, die im 16. Jahrhundert von Rav Joseph Karo sz“l verfasste Kodifikation des jüdischen Religionsrechts,

behandelt die Frage indirekt im Zusammenhang mit dem Respekt gegenüber Lehrern und Gelehrten.

 Im Abschnitt Joreh De’ah über die Ehrfurcht vor Torahgelehrten wird festgelegt:

לא יחלוק על רבו ולא יסתר את דבריו

Das bedeutet:

„Ein Schüler soll seinem Lehrer nicht widersprechen und seine Worte nicht widerlegen.“

Der aschkenasische Kommentator *Rav Mosche Isserles (Rema) sz“l* dessen Glossen den Schulchan Aruch ergänzen, präzisiert diese Regel.

Selbst wenn ein Schüler anderer Meinung ist, muss er dies mit Ehrfurcht und Zurückhaltung äußern. Eine respektlose Widerrede gilt als Ausdruck von Chutzpah.

Die halachische Diskussion ist also erlaubt,

aber Arroganz gegenüber dem Lehrer wird als moralischer Fehler betrachtet.

Ähnliche Gedanken finden sich bereits im mittelalterlichen Gesetzeswerk Arba’ah Turim des Gelehrten Rav Ja’akov ben Ascher (Tur) sz“l.

Auch dort wird die Pflicht betont, Autoritäten mit Respekt zu behandeln.

Der Text formuliert im Kontext der Ehrfurcht vor Lehrern:

חייב אדם בכבוד רבו ובמוראו

Übersetzt:

„Der Mensch ist verpflichtet zur Ehre und Ehrfurcht gegenüber seinem Lehrer.“

Die Verletzung dieser Ehrfurcht

– etwa durch überhebliche oder freche Rede

 – wird in der rabbinischen Tradition häufig als Chutzpah interpretiert, weil sie aus Hochmut

(גאווה)

 hervorgeht.

Der bedeutende talmudische Kommentator Rav Ascher ben Yechiel (Rosch) sz“l erklärt in seinen Responsen und Kommentaren ebenfalls, dass Respektlosigkeit gegenüber Lehrern oder Richtern eine Störung der religiösen Ordnung darstellt.

In der rabbinischen Ethik, dem Mussar,

ist die Anerkennung von Autorität ein Teil der Ehrfurcht vor der Torah selbst.

Eine interessante spirituelle Deutung findet sich schließlich im chassidischen Denken, insbesondere bei Rabbeinu Nachman von Breslov sz“l.

In seinen Lehren wird die Mischna-Aussage über die „Generation der Chutzpah“ aufgegriffen.

Er beschreibt, dass in der Endzeit die Menschen ihre Scham verlieren und Autoritäten verachten.

Gleichzeitig entwickelt er jedoch die paradoxe Idee einer positiven, „heiligen“ Form von Kühnheit im religiösen Leben.

In seinen Lehren heißt es:

וצריך האדם להיות עז פנים בקדושה

Das bedeutet:

„Der Mensch muss in der Heiligkeit eine gewisse Kühnheit besitzen.“

Hier wird der Begriff nicht als moralische Frechheit verstanden,

sondern als Mut,

trotz gesellschaftlichen Drucks an Kiddusch HaSchem festzuhalten.

Diese Interpretation zeigt, dass Chutzpah in der jüdischen Tradition zwar grundsätzlich negativ bewertet wird,

aber in einem spirituellen Kontext auch als standhafte Entschlossenheit im Dienst HaSchems neu gedeutet werden kann.

Zusammenfassend lässt sich sagen:

  • In der klassischen jüdischen Rechts- und Ethikliteratur (Mussar) bezeichnet Chutzpah vor allem respektlose Dreistigkeit gegenüber Autorität, Tradition und g“ttlichem Gesetz.
  • Texte wie die Mischna, der Schulchan Aruch, der Tur sowie die Kommentare von Rema und Rosch warnen vor dieser Haltung, weil sie die religiöse und soziale Ordnung untergräbt.
  • Mystische Lehrer, sog. Mekubalim, wie Rabbeinu Nachman sz“l erweiterteten den Begriff jedoch um eine spirituelle Dimension und sprachen von einer Art „heiliger Kühnheit“, die nötig sein kann, um Glauben und religiöse Praxis in schwierigen Zeiten zu bewahren.

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