Jüdisch! Die Tora lernen und leben.

Das Wissen, dass der Himmel zuhört

Von: Jisrael Jitzchak Rosenfeld

In Paraschas Jisro steht im Zentrum eine paradoxe Bewegung: 

Ein Mann, der alle Religionen und Götter der Welt kannte, erkennt erst nach dem Schilfmeer, wer HaSchem wirklich ist. 

Er sagt: 

„עַתָּה יָדַעְתִּי כִּי גָדוֹל ה׳ 

מִכָּל־הָאֱלֹהִים“

 – „Nun weiß ich, dass HaSchem größer ist als alle Götter“

 (Schemos 18;11). 

Raschi erklärt dort, dass Jisro nicht wegen der Wunder an sich überzeugt wurde, sondern wegen der Midda KeNeged Midda, der maßgenauen Gerechtigkeit: 

Ägypten wollte die Bnei Jisrael im Wasser ertränken, und wurde selbst im Wasser vernichtet 

– „בַּקְּדֵרָה שֶׁבִּשְּׁלוּ — בָּהּ נִתְבַּשְּׁלוּ“

(Raschi ad loc.).

Das Neue für Jisro war nicht Macht, sondern Beziehung. 

Er sah einen G“tt, der das Leid Israels wahrnimmt, es mitfühlt und Gerechtigkeit danach formt. 

Darin liegt das innere Tor der Parascha: 

Sinai ist nicht nur Offenbarung von Gesetz, sondern Offenbarung von Fürsorge.

Nach der lurianischen Kabbala des ARIzal (Etz Chaim, Schaar 1, Injan HaTzimtzum) beginnt alles mit einem g“ttlichen Rückzug, damit Welt entstehen kann; 

am Sinai geschieht das Gegenteil 

– eine Rückkehr des g“ttlichen Lichts in die Welt, eine zeitweise Heilung der Spaltung zwischen Himmel und Erde. 

Der Zohar formuliert das Grundgesetz dieser Einheit: 

„קודשא בריך הוא ואורייתא וישראל חד הוא“

– „Der Heilige, die Tora und Israel sind eins“ (Zohar III, 73a).

Das Sefer Yetzirah lehrt: 

„בִּשְׁלֹשִׁים וּשְׁתַּיִם נְתִיבוֹת פֶּלֶא חָכְמָה…“

– „Mit 32 wunderbaren Pfaden der Weisheit schuf HaSchem die Welt“

 (Sefer Yetzirah 1;1). 

Am Sinai öffnen sich diese Pfade erneut, und Jitro erkennt, dass die Geschichte Am Jisraels Teil dieser g“ttlichen Architektur ist. 

Der Ramchal (Derech HaSchem I,2) beschreibt Haschgacha als persönliche Führung: 

Auch hier greift eine tiefe Doktrin der Breslover Chassidim.

Rebbe Nachman von Breslov sagt: 

„אֵין שׁוּם יֵאוּשׁ בָּעוֹלָם כְּלָל“

– „Es gibt keinerlei Verzweiflung in der Welt“

 (Likutei MoHaRan II, 78). 

Auf Jisro bezogen bedeutet das: 

Selbst ein Mann aus der Tiefe des Götzendienstes kann zum Sinai finden. 

Das Schilfmeer wird zur inneren Prüfung 

– wer durch die Angst geht, begegnet der g“ttlichen Nähe. 

Der Sfas Emes aus Ger betont, dass Sinai sich in jeder Generation erneuert: 

„בְּכָל יוֹם יִהְיוּ בְעֵינֶיךָ כַּחֲדָשִׁים“

– „Jeden Tag sollen die Worte der Tora wie neu sein.“

Der Baal HaSulam (Talmud Esser Sefiros, Histaklus Pnimith, Teil 1) erklärt, dass 

„Maß für Maß“ ein kosmisches Gesetz ist: 

Licht antwortet exakt auf das Gefäß. 

Ägypten schuf ein Gefäß der Grausamkeit und empfing Gericht; 

die Bnei Jisrael schufen ein Gefäß der Treue und empfing Sinai. 

Jisro erkennt darin diese Ordnung.

Im Licht der Yahrzeiten des 16. Schevas der großen Rebbes vertieft sich diese Botschaft: 

*Rav Sholom Mordechai Schwadron, der MarHaScham*, lehrte, dass wahre Größe eines Führers darin liegt, Gerechtigkeit mit Barmherzigkeit zu verbinden 

– genau wie HaSchem am Schilfmeer. 

Rav Schlomo Yehoschua Dovid Gutterman, der Radziminer Rebbe, verband Sinai mit messianischer Hoffnung: Treue zur Tora bringt Erlösung. 

Rav Yaakov Hager, der Zablatover Rebbe, sah jedes Leiden als verborgenes Tor zur Nähe HaSchems 

– Schilfmeer und Sinai als zwei Seiten derselben Liebe. 

Rav Ascher Tzvi von Koritz, Schüler des Baal Schem Tov, betonte die Frömmigkeit des Herzens: 

Jisros „Jetzt weiß ich“ ist der Übergang vom Verstand ins Herz. 

Rav Oscher Tzvi von Ostraha, Autor des Maayan HaChochma, lehrte, dass Erkenntnis wie eine Quelle fließt 

– Jisro wird zum ersten Nichtjuden, der aus dieser Quelle trinkt.

So bleibt Jisros Lehre gültig: 

Glauben beginnt nicht nur mit Wundern, sondern mit Mitgefühl; Sinai ist der Ort, an dem Himmel nicht herrscht, sondern begegnet. 

Und deshalb gilt für alle Generationen: 

„כִּי אֵין כָּמוֹךָ בָּאֱלֹהִים ה׳“*

– „Denn es gibt keinen wie Dich unter den Göttern, HaSchem“

(Schemos 15:11).

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