Jüdisch! Die Tora lernen und leben.

Auge um Auge, Zahn um Zahn

Am Ende der Parascha steht, dass die Strafe für Körperverletzung (durch Gewalteinwirkung, nicht durch einen unverschuldeten Zufall) lautet: „ Bruch um Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn, wenn jemand einem anderen eine Verletzung zufügt, so soll es an ihm selbst getan werden“ (Lev. 24:20).

Schadensersatz finanzieller Art

Unsere Weisen unterrichten jedoch, dass es sich hier um einen Schadensersatz finanzieller Art handelt und nicht um ein wörtlich zu nehmendes Strafmaß. Für die falsche Interpretation dieses strengen Strafrechts sind wir im Laufe der Geschichte schwer beschuldigt und zu Unrecht diskriminiert wurden, da man es gegen uns anführte.

die Wege der Tora sind lieblich und menschenfreundlich

Aber unsere Chachamim (Weisen) kennen keine wortwörtliche Ausführung dieser Passuk. Rabbi Baruch Epstein (1860-1941), der Autor der Tora Temima (eine Erklärung zur Tora), erklärt, weshalb unsere Weisen „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ nie wortwörtlich nehmen wollten: „die Chachamim begriffen, dass die Wege der Tora lieblich, menschenfreundlich sind und dass es nicht sein kann, dass die Tora so etwas Nutzloses wie eine wortwörtliche, also körperliche Vergeltungsmaßnahme des erlittenen Bösen oder der Gewalt vorgeben würde“.

körperliche Verletzung nur durch finanzielle Kompensierung

Wenn man jedoch „Auge um Auge“ aus einem finanziellen Aspekt heraus betrachtet und eine entsprechende Vergütung für die zu Schaden gekommene Partei oder Person die körperliche Verletzung mindern kann, würde sie sich einigermaßen gerecht entschädigt fühlen können. Rabbi Epstein erklärt, dass G“ttes Absicht in seiner Tora sei, dass körperliche Verletzung nur durch finanzielle Kompensierung wieder gut gemacht werden kann.

trägt nichts zur Wiederherstellung bei

Unsere Weisen kennen die Werte, die der Tora als Grundsätze dienen. Es ist ausgeschlossen, dass die Tora gerade auf diesem Gebiet nicht ihrem allgemeinen Wertekanon folgt, sondern uns beauftragen würde, noch mehr körperliche Verletzungen zu begehen. Dem Aggressor auch ein Auge auszuschlagen trägt nichts zur Wiederherstellung der geschädigten und verletzten Person bei.

vollständige Gerechtigkeit

Wenn dem so ist, stellt sich die Frage, weshalb die Tora nicht einfach schreibt „Bezahle mit Geld für ein verlorenes Auge“ an Stelle von „Auge um Auge?“.

„Auge um Auge“ deutet auf vollkommene Gerechtigkeit hin. Aber da viele andere Überlegungen mitspielen, wie Mitleid, soziale Verantwortung und die Wiedergenesung der beschädigten Person, entscheidet sich die Mischna nicht zu einer wortwörtlichen Ausführung dieser Passuk. Unsere mündliche Lehre verfügt, dass die körperliche Beschädigung durch eine finanzielle Leistung ausgeglichen werden soll. Jedoch dürfen wir nicht vergessen, dass eine absolute Berechtigung besteht, die hätte lauten müssen „Auge um Auge“. Wir sollen das immer in unserem Hinterkopf speichern, gerade in der jetzigen Zeit.

Wir leben heutzutage in einer Zeit des Relativismus. Alle Werte sind relativ. In unserem post-modernen Zeitalter gilt, dass jeder seine eigene Wahrheit hat. Wir können Menschen nur noch wegen des Effektes, den ihre Wahrheit auf unsere Gesellschaft hat, bestrafen. Das Strafrecht schrickt potentielle Straftäter ab. Auf diese Weise wird die Gesellschaft oder die Wirtschaft beschützt. Richter urteilen aus pragmatischen Überlegungen.

Absolute Werte

Absolute Werte bestehen nicht mehr, aber die Tora geht von Tugenden aus, von Normen und Werten, die allgemeingültig sind. Die mündliche Lehre, die praxisbezogen ist, erklärt, dass wir diesen Passuk im täglichen Leben nicht wortwörtlich ausgeführt verstehen sollen. Wirkliche Gerechtigkeit ist nicht immer möglich.

Die Tora gibt jedoch einen deutlichen Hinweis darauf, dass Fälle wie Recht(sprechung), Wahrheit und Gerechtigkeit keine relative, sondern absolute Werte sind. 

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