Jüdisch! Die Tora lernen und leben.

Die fünfte Beracha der Schemonej Esrej

Von: J.J. Rosenfeld 

Eine chassidische Drascha im Geiste von Rabbeinu Nachman, zur 5. Beracha der Amida explizit bezugnehmend auf die Lehren aus Likkutei MoHaRan (v. a. Tora 6, 48, 64, 282 u. a.). Sie ist  auf Yeridos (Abstiege) ausrichtet und ist konkret in die persönliche Hisbodedus, das persönliche Zwiegespräch mit unserem Schöpfer, das hinein übersetzt

– ganz im Geist von Rebbe Nachman miBreslov, getragen von der Kabbala des heiligen ARI.

Die fünfte Beracha der Amida ist nach Rebbe Nachman nicht das Gebet eines Gerechten, sondern das Gebet des Gefallenen.

Sie ist für den Menschen geschrieben, der spürt, dass seine Gedanken zerstreut sind, dass sein Herz kalt geworden ist, dass seine Avoda zerbrochen erscheint. Genau an diesem Punkt beginnt nach Likkutei MoHaRan die tiefste Avoda HaSchems.

Denn Rebbe Nachman lehrt, dass jede Yerida nur existiert, um eine höhere Alliyah zu ermöglichen, und dass der größte Fehler nicht der Fall selbst ist, sondern die Verzweiflung, die ihm folgt.

Wenn der Mensch sagt „Haschivenu Awinu“, spricht er nicht aus Stärke, sondern aus Zerbrochenheit.

In Likkutei MoHaRan Tora 48 erklärt Rebbe Nachman, dass es einen Zustand gibt, in dem der Mensch nicht einmal mehr weiß, wie man zu Haschem betet.

Genau dort entsteht die reinste Form der Hisbodedus: das einfache, ungeformte Sprechen aus dem Schmerz heraus.

„Haschivenu“

ist kein wohlformuliertes Gebet, sondern ein Stöhnen der Neschama, die ihre Richtung verloren hat.

Nach der Kabbala des heiligen ARI ist dies der Moment, in dem die Seele beginnt, aus den Klippos herauszurufen, die sie während der Yerida umhüllt haben.

„Awinu“

– unser Vater –

ist in Breslov nicht eine poetische Anrede, sondern ein lebensnotwendiger Gedanke.

Rebbe Nachman sagt in Likkutei MoHaRan Tora 64, dass der Mensch sich selbst nicht ertragen kann, wenn er fällt.

Nur das Wissen, dass HaSchem ein Vater ist, verhindert den vollständigen Zusammenbruch.

In der Hisbodedus bedeutet das:

Der Mensch spricht zu HaSchem nicht wie zu einem Richter, sondern wie zu einem Vater, dem er alles sagen darf – auch seine Scham, seine Wut, seine spirituelle Müdigkeit. Gerade das ungefilterte Sprechen zerbricht die Klippos, die laut ARI durch Schweigen und innere Verhärtung genährt werden.

Wenn wir sagen

„leToratecha“

, dann meint Rebbe Nachman nicht, dass wir wieder mehr lernen sollen

– obwohl auch das dazugehört –

, sondern dass wir zur inneren Stimme der Tora zurückkehren müssen. In Likkutei MoHaRan Tora 6 erklärt er, dass die Tora nur dort gehört werden kann, wo Demut ist.

Yeridos zerstören den Stolz, und genau deshalb öffnen sie den Raum, in dem die Tora neu empfangen werden kann.

In der Hisbodedus fragt der Mensch dann nicht:

„Warum bin ich gefallen?“

, sondern:

„Was willst Du mir hier lehren?“

Nach dem *heiligen ARI* werden in solchen Momenten besonders tiefe Seelenlichter freigesetzt, weil sie aus dem Ort der größten Entfernung stammen.

Der nächste Satz,

„Wekarwenu Malkenu la’Avodatecha“

richtet sich direkt an den Menschen, der das Gefühl hat, nicht mehr dienen zu können.

Rebbe Nachman lehrt immer wieder, dass es eine Avoda gibt, die gerade im Nicht-Können liegt.

In Likkutei MoHaRan Tora 282 („Azamra“) sagt er, dass man selbst im größten Fall einen guten Punkt finden muss

– und sei es nur der Wunsch, zurückzukehren.

In der Hisbodedus wird dieser Satz zu einem Flehen:

 „Ribono schel Olam, ich kann Dich gerade nicht fühlen, ich kann nicht richtig beten, aber bring mich wenigstens ein kleines Stück näher.“

In der lurianischen Kabbala ist dies der Moment, in dem Malchus

– die völlig leere Sefira– gerade durch ihre Leere Licht anzieht.

Rebbe Nachman betont, dass die gefährlichste Yerida die ist, in der der Mensch denkt, sein Dienst sei wertlos geworden.

Darum bitten wir:

„Bring uns näher“ – nicht „lass uns dienen“.

Die Nähe kommt vor der Leistung.

In der Hisbodedus darf der Mensch sogar sagen:

„Ich weiß nicht, was Avoda jetzt für mich bedeutet.“

Dieses ehrliche Nicht-Wissen ist selbst ein Dienst.

Der Höhepunkt der Beracha,

„W’hachazirenu biTeschuwa schlema lefanecha“

wird in Breslov radikal neu verstanden.

Teschuva Scheleima bedeutet nach Rebbe Nachman nicht Rückkehr zu einem früheren Zustand, sondern Rückkehr durch den Fall hindurch.

In Likkutei MoHaRan Tora 6 und 64 erklärt Rabbeini Nachman, dass eine Teschuva, die aus der Tiefe kommt, höher ist als die eines Menschen, der nie gefallen ist.

Yeridos (spirituelle Abstiege) öffnen Räume, die ohne den Fall verschlossen, geblieben wären.

In der Hisbodedus darf der Mensch HaSchem bitten:

„Mach aus meinem Fall selbst einen Weg zu Dir.“

„Lefanecha“

– vor Dir – bedeutet nach Breslov:

ohne Masken.

Rebbe Nachman sagt, dass HaSchem besonders das Gebet liebt, in dem der Mensch nichts mehr darstellt.

Kein frommes Image, keine spirituelle Rolle.

In der Kabbala des ARI ist dies der Zustand, in dem Malchus sich vollständig entblößt und dadurch mit den höheren Sefiros vereint wird. Gerade die Yerida ermöglicht diese völlige Ehrlichkeit.

Dass die Beracha endet mit

„haRotze beTeschuva“

ist für Rebbe Nachman ein Schlüssel zur seelischen Rettung.

HaSchem will Deine Teschuva – selbst wenn sie chaotisch ist, selbst wenn sie voller Zweifel ist.

In der Hisbodedus kann der Mensch sich daran festhalten, wenn alles andere wankt:

Nicht ich halte an HaSchem fest, HaSchem hält an mir fest.

Nach dem heiligen ARI, Jitzchak Luria, ist dies die tiefste Form der Barmherzigkeit, die sogar die Wurzeln der Sünde selbst in Licht verwandeln kann.

So wird diese Beracha, wenn sie mit den Lehren aus Likkutei MoHaRan gebetet wird, zu einem täglichen Raum der Hisbodedus mitten in der Amida.

Sie richtet sich nicht an den Starken, sondern an den Gefallenen.

Sie lehrt, dass Yeridos kein Hindernis sind, sondern das Material der Erlösung.

Und sie flüstert dem Menschen immer wieder zu, in Rebbe Nachmans Worten:

„Es gibt überhaupt keine Verzweiflung in der Welt – gar keine.“

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