Einleitung
In der Antike – aber auch heute noch – verwendete man Pflanzen und Kräuter für die unterschiedlichsten Zwecke: als Heilmittel, zur Körperpflege oder zur Verfeinerung von Speisen. Daneben kannte man aber auch weniger angenehme Anwendungen wie Gifte. Besonders am Hof römischer Kaiser erwiesen sich Gifte als wirksames Mittel, um den Kaiser selbst, seine Familienmitglieder, den Hofstaat oder sonstige unliebsame Personen auszuschalten. Zudem glaubte man, dass bestimmte Pflanzen oder Kräuter Einfluss auf die Fruchtbarkeit oder die sexuelle Anziehungskraft zwischen Mann und Frau hätten.
Die Tora
Aus verschiedenen Stellen der Tora geht hervor, dass man vermutlich die stimulierende Wirkung bestimmter Pflanzen kannte. Das bekannteste Beispiel findet sich in einer Erzählung im Buch Genesis (30:14 ff.). Die Tora berichtet vom Streit zwischen Jakobs beiden Frauen, Lea und Rachel, über die Pflänzchen der Dudaim. Ruben hatte sie gefunden und seiner Mutter Lea gebracht. Rachel jedoch bestand darauf, ebenfalls etwas davon zu bekommen. Lea weigert sich mit den Worten: „Ist es nicht genug, dass du mir meinen Mann weggenommen hast? Musst du jetzt auch noch die Pflänzchen (Dudaim) meines Sohnes nehmen?“
Ein harmloser Fund legt so die Rivalität der beiden Frauen um Jakobs Liebe offen. Rachel gibt jedoch nicht nach und ist bereit, sogar ihre Nacht mit Jakob an Lea abzutreten – im Tausch gegen die begehrten Pflanzen. Lea akzeptiert diesen Handel. Als Jakob abends vom Feld zurückkehrt, kommt sie ihm begeistert entgegen. Sie verbringen die Nacht miteinander, und es wird ihr fünfter Sohn – Issachar – gezeugt.
Bei genauerer Betrachtung liegt in dieser Auseinandersetzung mehr als nur ein Streit um Pflanzen. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um eine Pflanze, der man eine positive Wirkung auf die Fruchtbarkeit zuschrieb (Ibn Esra, Nachmanides). Rachel, die noch kinderlos war, wollte die Dudaim unbedingt haben. Die Wirkung blieb nicht aus: Nach dem Streit berichtet die Tora, dass auch Rachel endlich schwanger wird, während Lea bereits sechs Söhne hatte.
Duftendes Veilchen
Was waren diese Dudaim eigentlich? Im Hohelied heißt es: „Die Dudaim duften bereits“ – ein Hinweis darauf, dass es sich um eine Pflanze mit sehr angenehmem Geruch handelt. Auch die sprachliche Nähe zwischen „Dudaim“ und dem Wort für „Geliebter“ – dod – verstärkt den Verdacht, dass die Pflanze eine stimulierende Wirkung im sexuellen Bereich hatte. Der Talmud nennt zudem violette oder purpurne Blüten.
Viele identifizieren die Dudaim daher mit der Alraune (Mandragora), einer Pflanze, der man seit jeher besonderen Wirkungen zuschrieb. Sie besitzt eine dicke braune Wurzel und kurzstielige Blätter, die an Brennnesseln erinnern. Sie trägt Früchte und violette Blüten. Die orange-roten Früchte ähneln kleinen Tomaten und werden oft „Liebesäpfel“ genannt. Ihre besondere Anziehungskraft wurde durch die Form der Wurzel verstärkt, die oft gegabelt war und mit Auswüchsen versehen – was man mit etwas Fantasie als menschliche Gestalt interpretierte.
Knoblauch
Auch Knoblauch galt als Mittel mit stimulierender Wirkung. Der Talmud berichtet von einer Anordnung Esras, eines der Begründer des Judentums in der frühen Zweiten-Tempel-Zeit, am Freitag Knoblauch zu essen. Dies geschah im Hinblick auf den Schabbat, da es als positiv angesehen wurde, an diesem heiligen Ruhetag sexuelle Beziehungen zu pflegen. Die sexuelle Vereinigung ist nämlich Teil des Gebotes, den Schabbat zu genießen – neben schöner Kleidung und gutem Essen.
Zudem empfiehlt der Talmud, dass Gelehrte nicht mehr als einmal wöchentlich sexuelle Beziehungen haben sollten; der Schabbat eignet sich aufgrund seines besonderen Charakters dafür besonders. Knoblauch galt darüber hinaus auch als Mittel gegen Würmer.
Maimonides hingegen teilt den Enthusiasmus des Talmuds nicht. Nach seinen Gesundheitsregeln sollte man nur im Winter gelegentlich Knoblauch essen. Im Sommer jedoch solle man Knoblauch – ebenso wie Senf – ganz vom Speiseplan streichen.
Fische
Im Judentum gilt der Fisch als Symbol der Fruchtbarkeit. Auf seinem Sterbebett segnet Jakob seine Enkel Efraim und Menasse, sie mögen „zahlreich werden auf Erden“. Das dabei verwendete hebräische Wort jidgu ist verwandt mit dag – „Fisch“. Jakob wünscht ihnen somit, „wie Fische zu werden“ – fruchtbar und zahlreich (Genesis 48:16).
Der Talmud betont, dass kleine Fische zur Fruchtbarkeit beitragen und den Körper stärken. Auch soll es günstig sein, zwei Tage vor und zwei Tage nach dem Aderlass Fisch zu essen. Nach einem Fastentag sei Fisch ebenfalls empfehlenswert. Da der Schabbat der Tag ist, an dem sexuelle Beziehungen erwünscht sind, war es üblich, an diesem Tag Fisch zu essen.
Jüdische Bücher des 17. und 18. Jahrhunderts nennen Fisch als Mittel gegen Kinderlosigkeit. Man sollte einen „Fisch, der in einem anderen Fisch gefunden wurde“, verwenden – ein Bild für das angestrebte Ergebnis: Schwangerschaft. Der Fisch wird getrocknet, gemahlen und mit Wein vermengt; nimmt die Frau dieses Gemisch mehrere Nächte ein, soll sie schwanger werden – wie der „Fisch im Fisch“ trägt auch die Mutter das zukünftige Kind in ihrem Körper.
Viagra
Ursprünglich war Viagra als Medikament gegen Angina pectoris gedacht. Die Pille sollte die Blutversorgung der Herzkranzgefäße verbessern. Die gewünschte Wirkung blieb jedoch aus. Stattdessen zeigte sich eine deutliche Durchblutungssteigerung – allerdings nicht im Herzbereich. So wurde Viagra zum Mittel gegen bestimmte Formen von Impotenz. Dass weltweit Millionen gesunder Menschen das Mittel einnehmen, zeigt, dass viele ihre Leistungsfähigkeit steigern wollen.
Aus halachischer Sicht ist gegen Viagra grundsätzlich nichts einzuwenden. Sexualität wird im Judentum – sofern innerhalb der Ehe – nicht als etwas Negatives oder Sündiges betrachtet. Im Gegenteil: Es gehört zu den Pflichten des Mannes, mit seiner Frau sexuelle Beziehungen zu pflegen. Dies gilt als eines der grundlegenden Rechte der Ehefrau.
Ein mögliches Verbot könnte sich aus gesundheitlichen Bedenken ergeben, da es Berichte über Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder eine blau gefärbte Sicht sowie einzelne Todesfälle gab. Die Halacha verbietet grundsätzlich Handlungen, die die Gesundheit gefährden. Da die Zahl solcher Fälle jedoch verschwindend gering ist im Vergleich zu den vielen Millionen Anwendern, gilt das Mittel als sicher.
Der Talmud kennt übrigens ebenfalls ein Mittel gegen Impotenz: eine kleine Menge Saflor, einer aus Ägypten stammenden Pflanze, die früher als gelber Farbstoff diente. Die Pflanze wird gemahlen, in Wein gekocht und die Flüssigkeit getrunken. Ein Gelehrter berichtet, dass das Mittel ihm die Kraft seiner Jugend zurückgegeben habe (B.T. Gittin 70a).
