Das biblische Geschehen
Exodus 16,13 ff.:
„Am Morgen lag eine Schicht Tau rings um das Lager. Und als die Tauschicht aufgestiegen war, siehe, da lag auf der Fläche der Wüste etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif auf der Erde. Als die Kinder Israels es sahen, sagten sie einer zum anderen: ‚Was ist das?‘ Denn sie wussten nicht, was es war. Da sprach Mosche zu ihnen: ‚Dies ist das Brot, das G’tt euch zur Speise gibt.‘ … Wer viel gesammelt hatte, behielt nichts übrig, und wer wenig gesammelt hatte, hatte keinen Mangel; jeder hatte so viel gesammelt, wie er essen sollte. Und Mosche sagte zu ihnen: ‚Niemand soll etwas davon bis zum nächsten Morgen übriglassen.‘ Aber einige hörten nicht auf Mosche und ließen vom Manna bis zum nächsten Morgen übrig; da kamen Würmer darin hervor, und es stank.“
Eigenschaften und täglicher Ablauf
Das Manna war weiß wie Koriandersamen und schmeckte wie in Honig gebackenes Gebäck. Jeder durfte eine Omer-Menge (etwa zwei Kilogramm) sammeln, und sie musste innerhalb von vierundzwanzig Stunden verzehrt werden. Sobald die Sonne darauf schien, begann es zu schmelzen.
Am Freitag wurde eine doppelte Portion gesammelt, da am Schabbat kein Manna fiel. Vierzig Jahre lang, während der gesamten Wüstenwanderung, ernährten sich die Israeliten vom Manna.
Vor dem Fallen des Manna wurde der Wüstenboden auf wunderbare Weise vorbereitet: Ein Nordwind fegte ihn rein, danach wusch Regen ihn sauber. Anschließend fiel Tau, der durch den Wind verhärtete und wie ein Tisch für das Manna diente, das vom Himmel herabkam. Eine zweite Tauschicht bedeckte das Manna und schützte es vor Insekten und Ungeziefer.
Außergewöhnliche Qualitäten
Das Manna war anfangs wie „Astronautennahrung“: Es wurde vollständig vom Körper aufgenommen und erzeugte keinen Abfall. Erst als das Volk über seinen Geschmack zu klagen begann, wurde das Manna mit gewöhnlichen Speisen vergleichbar. Da es täglich neu fiel, musste man es nicht transportieren und konnte es stets frisch genießen. Diese tägliche himmlische Versorgung führte das Volk ständig vor Augen, dass seine Existenz vollkommen von G’tt abhing (B.T. Joma 75b–76a).
Klagen über himmlische Nahrung
Gründe für Unzufriedenheit
Trotz seines wundersamen Ursprungs waren die Israeliten nicht zufrieden. Die Exegese nennt mehrere Gründe:
- Ständige Abhängigkeit:
Die tägliche „Manna-Lieferung“ verstärkte das Gefühl völliger Abhängigkeit von oben. Viele empfanden dies als bedrückend und verunsichernd. - Eintönige Erscheinung:
Das Manna war täglich gleich weiß. Auch wenn man darin jeden gewünschten Geschmack finden konnte – dem Auge fehlte die Abwechslung. Ein Gericht mag noch so köstlich schmecken, doch ohne sichtbare Vielfalt wirkt es weniger ansprechend. Das Volk sehnte sich nach greifbarer, materieller Nahrung.
Die religiöse Waage
Das Manna als geistlicher Maßstab
Besonders schwer zu ertragen war wohl die Tatsache, dass das Manna zugleich als spiritueller Indikator diente:
- Für die Zaddikim (Frommen) fiel es direkt vor die Zelte – verzehrfertig.
- Menschen geringeren Niveaus mussten es weiter entfernt suchen, mahlen und kochen.
So wurde das religiöse Niveau jedes Einzelnen sichtbar: Entfernung und Zustand des Manna machten für jeden erkennbar, wie es um den Nachbarn geistlich stand.
Unterschiedliche Geschmäcker
Je nach Person schmeckte das Manna unterschiedlich:
- für Kinder wie Milch,
- für Erwachsene wie Brot,
- für Ältere wie Honig,
- für Kranke wie Gerste in Öl und Honig.
Es verströmte einen wunderbaren Duft und wurde von Frauen sogar als Parfum und Zierde verwendet.
Göttliche Zuteilung und ihre Bedeutung
Menge und Frieden im Lager
Jede Familie erhielt Manna entsprechend ihrer Mitgliederzahl. Viele Streitfragen wurden dadurch gelöst: Wenn Mosche klären musste, wer zu welchem Haushalt gehörte, konnte er an der erhaltenen Menge ablesen, wie viele Personen tatsächlich dazugehörten.
Jeremia und das Krüglein Manna
Jahrhunderte später, als der Prophet Jirmijahu (Jeremia) die Menschen zum intensiveren Toralernen aufrief, entgegneten sie: „Wie sollen wir uns ernähren, wenn wir nur Tora studieren?“ Da zeigte er ihnen das in der Tempelkammer aufbewahrte Krüglein mit Manna und sagte:
„Seht, wovon eure Vorfahren lebten, als sie in der Wüste den ganzen Tag Tora lernten. Auch ihr werdet durch G’tt erhalten werden, wenn ihr euch dem Torastudium widmet.“
Als die Zerstörung des Tempels drohte, wurde das Krüglein mit dem Manna zusammen mit der Heiligen Lade und dem Salböl verborgen. In messianischer Zeit, so die Überlieferung, wird der Prophet Elijahu all dies zurückbringen.
Manna in messianischer Zeit
Nach der Talmudstelle B.T. Chagiga 12b wird in der Ära des Maschiach das Manna wieder die Nahrung der Heiligen sein. Als geistliche Speise wird es in Zeiten erhöhter Spiritualität erneut erscheinen. Dann wird es keine Nahrungsknappheit geben.
