Von: Jisrael Jitzchak Rosenfeld
Fragestellung von Frau Linares:
Da Du uns nach input gefragt hast, sehr gut! Bitteschön.
Betrifft den zweiten Abschnitt Schema Israel.
Was ist der tiefere Sinn des:
•Regens zu seiner Zeit, Früh- und Spätregen (Tchiat ha metim ?)
•warum den Ertrag an Getreide, Wein und Öl (Korbanot ?)
•warum die Ernährung für das Vieh und schließlich
• und Du wirst essen und Dich sättigen (doch nicht nur an physischer Nahrung).
Das ist der eine Aspekt.
Dann: was ist mit dem “guten Land” im kabbalistischen Sinn gemeint, das Hashem euch gibt.
(Pluralanrede, und “noten” nicht “natan” ER gibt es kontinuierlich, kein abgeschlossener Akt der Vergangenheit).
Was genau sind dann genau die “elohim acherim” denen man nicht dienen darf ohne bittere Konsequenzen.
Der Mensch verliert das “gute Land” ja erst infolge aktiven Handelns, indem er fremden Kräften huldigt (“Götzendienst”).
Dicke Bretter zu bohren, aber das würde mir etliche Fragen erhellen die sich diesbezüglich jedesmal aufwerfen.
Antwort:
Wenn man den zweiten Abschnitt des Schema im Geist von Rabbeini Nachman von Breslov sz“l liest und ihn versteht,
entsteht ein sehr dichter, fast „atmender“ Text:
Er beschreibt nicht nur einen Weg des Menschen,
sondern einen ständigen Kreislauf von g“ttlichem Fluss, Gefäßen, Bruch und Erneuerung.
Der „Regen zu seiner Zeit“ ist in dieser Verbindung mehr als Inspiration.
Beim ARIzal ist Regen ein Ausdruck von Schefa,
das aus höheren Welten in die unteren hinabfließt, abhängig davon, ob die Gefäße unten bereit sind.
Das passt genau zu Breslov:
Der Frühregen ist ein erstes Erwachen
– ein Herabströmen von Licht (Or), das nicht vollständig „verdient“ ist,
sondern geschenkt wird.
In lurianischer Sprache könnte man sagen:
Ein erstes Einströmen von Licht in ein noch unvollständig vorbereitetes Gefäß.
Der Spätregen hingegen entspricht dem,
was nach der ersten Berührung geschieht:
Das Nacharbeiten am Gefäß, das Stabilisieren, das „Halten“ des Lichts.
Genau hier treffen sich ARIzal und Breslov:
Das eigentliche Ziel ist nicht das Licht selbst, sondern dass der Mensch zu einem Gefäß wird, das es tragen kann.
Darum ist die Phase der Trockenheit
– die Rebbe Nachman sz“l so stark betont
– kein Mangel,
sondern Teil der Tikkun-Arbeit, der Korrektur der Gefäße.
Wenn dann von Getreide,
Wein und Öl die Rede ist,
lässt sich das beim ARIzal als verschiedene Stufen des Lichts und seiner Integration lesen.
Das Getreide entspricht dem Licht,
das bereits in feste Form übergegangen ist
– Nahrung, Struktur, das, was der Mensch „verdauen“ kann.
*In breslover Sprache ist das der Alltag, die einfachen Handlungen.
Der Wein hingegen steht für ein Licht, das das Innere aufbricht
– beim ARIzal oft verbunden mit dem Offenbarwerden verborgener Ebenen.
Breslov übersetzt das in Erfahrung:
Momente von Begeisterung,
in denen das Herz sich öffnet und Verborgenes ans Licht kommt.
Das Öl schließlich ist im lurianischen Denken besonders fein
– es symbolisiert ein Licht, das nicht vollständig vermischt wird, sondern eine gewisse Transzendenz behält.
Genau das entspricht bei Rebbe Nachman sz“l dem „guten Punkt“, jener unzerstörbaren inneren Essenz im Menschen.
Selbst nach einem „Bruch der Gefäße“ im eigenen Leben bleibt dieser Punkt intakt
– wie Öl, das sich nicht völlig vermischt.
Die Nahrung für das Vieh lässt sich beim heiligen ARIzal als Arbeit mit den niedrigeren Ebenen der Seele (Nefesch, verbunden mit dem Körperlichen und Instinktiven) verstehen.
Die tierische Kraft ist nicht zufällig da;
sie gehört zu den Funken, die gehoben werden müssen.
Breslov formuliert das existenziell:
Gerade die groben, unruhigen Kräfte sind Material für die Annäherung an HaSchem.
In lurianischer Sprache:
Auch dort sind Nitzotzos (Funken) verborgen, die durch richtigen Umgang erhoben werden.
Dass zuerst das Vieh ernährt wird und erst danach der Mensch „isst und sich sättigt“, ist dann kein Zufall:
Erst wenn die unteren Ebenen integriert sind, kann der Mensch selbst in eine Form von Ganzheit eintreten.
„Du wirst essen und Dich sättigen“ bekommt so eine doppelte Tiefe.
Beim ARIzal ist „Essen“ oft ein Akt der Birurim,
der Klärung und Erhebung von Funken durch bewusste Aufnahme.
Der Mensch nimmt nicht nur Nahrung zu sich,
sondern hebt durch seinen Umgang damit verborgene G“ttlichkeit.
Breslov verschiebt den Schwerpunkt auf die innere Erfahrung:
Sättigung kann ein Zustand von Frieden sein
– aber auch eine Gefahr, wenn sie zur Selbstgenügsamkeit wird.
In der Verbindung beider Sichtweisen entsteht ein spannender Gedanke:
Wahre Sättigung ist nur dann vollständig,
wenn sie nicht das Verlangen nach weiterem Tikkun erstickt.
Das „gute Land“ schließlich wird beim ARIzal oft mit der Schechina bzw. mit der unteren Sefira (Malchus) in Verbindung gebracht
– dem Bereich, der empfängt und zugleich das Licht in die Welt hineinträgt.
„Eretz“ als Wille (Ratzon) passt hier exakt:
Malchus hat „nichts Eigenes“, sie ist ganz Empfang – und gerade darin liegt ihre Größe.
Bei Rebbe Nachman wird das konkret:
Das „Land“ ist
Dein innerer Raum,
Dein Wille,
Deine Bereitschaft.
Wenn dieser Raum offen ist, kann er das Licht aufnehmen.
Dass im Vers „er gibt“ steht, entspricht genau dem lurianischen Weltbild:
Die Schöpfung ist kein abgeschlossener Akt, sondern ein ständiger Fluss von Emanation und Erneuerung.
Und bei Breslov wird das zur unmittelbaren Praxis:
Jeder Moment ist ein neuer Anfang, eine neue Gabe, ein neues „Land“, das Dir jetzt gegeben wird.
So verschränken sich beide Perspektiven:
Der ARIzal beschreibt die kosmische Struktur
– Licht, Gefäße, Bruch, Tikkun.
Rebbe Nachman beschreibt, wie sich genau das im Inneren des Menschen anfühlt und vollzieht.
Der Abschnitt des Schema wird dann zu einer Landkarte:
Wie Licht kommt, wie es verloren geht, wie es wieder aufgenommen wird
– und wie der Mensch selbst zum Ort wird, an dem dieser ganze Prozess geschieht, immer wieder neu.
Aus chassidisch-kabbalistischer – und besonders in der Linie von Breslov – wird „אֱלֹהִים אֲחֵרִים“ (elohim acherim, „andere Götter“) meist nicht als unabhängige zweite G“ttheit verstanden, sondern als geistige Fehlrichtung innerhalb der Einheit HaSchems.
1. Grundannahme: Es gibt nichts außerhalb von Ein Sof
In der Kabbala, besonders im chassidischen Denken, ist zentral:
Es gibt nur Echad / Ein Sof (die absolute g“ttliche Einheit).
Alles, was existiert, ist letztlich nur eine Erscheinungsweise dieser Einheit.
Daraus folgt:
„andere Götter“ können nicht wirklich „andere Mächte“ im ontologischen Sinn sein.
2. Was sind dann „elohim acherim“?
In kabbalistischer Sprache sind das typischerweise:
a) „Klipot“ (Schalen / Hüllen)
Das sind Strukturen, die g“ttliches Licht enthalten, aber es verdecken.
Sie haben keine eigene Quelle.
Sie wirken „eigenständig“, sind aber nur Verdeckung.
„Götzendienst“ bedeutet dann:
Das Licht in der Hülle für die Hülle selbst halten.
b) Getrenntes Bewusstsein (Jeschus / Ego)
In chassidischer Sprache (auch stark bei Breslov):
„Avodah Zarah“ ist nicht nur falscher Kult, sondern das Gefühl:
„Ich bin getrennt / es gibt Kräfte außerhalb von HaSchem“
Das Ego nimmt etwas Geschaffenes und macht es „absolut“.
3. Breslov-Perspektive
Bei Rebbe Nachman wird das sehr existenziell verstanden:
„Avodah Zarah“ ist im Kern:
das Vergessen von „Ein Od Milvado“
Das heißt nicht nur theoretisch glauben, sondern:
Vertrauen (bitachon) wird ersetzt durch Kontrolle, Angst oder Abhängigkeit von etwas anderem.
„Andere Götter“ sind dann:
innere Fixierungen (Geld, Anerkennung, Sicherheit, Menschenmacht),
aber vor allem:
Der Moment, in dem das Herz sagt „das hier ist die eigentliche Macht“.
4. Warum führt das zum „Verlust des Landes“?
In dieser Lesart ist „Eretz“ (Land) nicht nur geografisch, sondern auch spirituell:
„Land“ = Stabilität des Bewusstseins / Verbindung zur g“ttlichen Realität im Leben
„Verlust des Landes“ = Exil des Bewusstseins (Golus)
Wenn der Mensch „fremden Kräften dient“, passiert innerlich:
Fragmentierung
Angstbasierte Existenz
Trennung von der Einheit
Das ist die eigentliche „Konsequenz“:
nicht Strafe, sondern Entfernung vom Bewusstsein der g“ttlichen Einheit.
5. Kurzform in Breslov
„Elohim acherim“ = jedes Denken oder Gefühl, das suggeriert:
„Es gibt noch eine andere wirkliche Macht außer HaSchem.“
Und Avodah Zarah = dieser inneren Täuschung Realität zu geben.
